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Reiseberichte: Dienstreise nach Cristuru Secuiesc

Reisebericht: Dienstreise nach Cristuru Secuiesc, Rumänien, vom 1.-6.4.2002

Wolfgang Gerts

Die Reise verfolgte folgende Ziele:

  1. Schaffung von Voraussetzungen für ein DOV-Projekt des Posaunenwerkes
  2. Vorgespräch über die Rumänienkonsultation (Ostkirchenarbeit) im November 2002
  3. Mitarbeit bei der Tätigkeit des Vereines „Ein Haus für morgen“ (Rumänien-Arbeitsgruppe Hemmingen; Familienhäuser für Heimkinder)
  4. Gespräche mit der Holzwerkstatt, die Holzkreuze für Gemeinden unserer Landeskirche herstellt
  5. Gespräche in Viscri (Spinnerei-Projekt des Weltgebetstages 2002 und mit uns seit Jahren befreundet)
  6. Persönliches

Reisegruppe

Mit von der Partie waren Johannes Leonhardt, Vorstandsmitglied der RAGH, Claus Leonhardt, Mahasweta Sinha, Melanie Stilz, Ecaterina Rascu, Ehepaar Gerts als Mitglieder, und die Kinder Stefan und Lisabet.

Knappe Projektbeschreibungen:

1. Projekt des Posaunenwerkes

Vom 18. bis 27.4. möchte eine Gruppe, bestehend aus zwei Landesposaunenwarten, Landesobmann und erfahrenen Bläsern nach Siebenbürgen fahren, Einerseits soll der Kontakt zu den traditionellen großen Gemeinden der Ev.-luth. Kirche Augsburgischen Bekenntnisses hergestellt werden, es soll über Ostern in Gottesdiensten geblasen und darüber hinaus einige Bläserkonzerte veranstaltet werden, andererseits soll ein sozialpädagogisch orientiertes Projekt eingeleitet werden, das über mindestens 6 Jahre ehemaligen Heimkindern durch Instrumentalunterricht helfen soll, sich zu entfalten und zu entwickeln, gleichzeitig eigene Möglichkeiten in einer Bläsergruppe gemeinsam zu gestalten. Dieses Projekt wird in einem besonderen Blatt näher beschrieben. Es sei erwähnt, das zwar „Blasmusik“ auch in kirchennaher Gestalt auch den ungarisch reformierten und unierten Gemeinden bekannt ist, aber die Gestalt der Musik und des Auftretens von Posaunenchören, die z.B. auch Gottesdienste bereichern, völlig unbekannt und für die Menschen dort unvorstellbar sind.

Da die Kinder der Waisenhäuser, die mittlerweile durch die Arbeit der RAGH in familiäre Situationen gefunden haben, bereits wesentlich in ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt, leiblich und seelisch geschädigt wurden, betrachten wir dieses Projekt als einen Beitrag zur Überwindung „struktureller Gewalt“.

2. Die „Ostkirchenarbeit“

als Fachgebiet im AfG unserer Landeskirche veranstaltet jährlich eine „Rumänien-Konsultation“. Hier finden sich Gruppen in unserer Landeskirche zusammen, die sich miteinander austauschen. In der Regel wird auch ein Vertreter des Kirchlichen Lebens der Kirche eingeladen. Mein Auftrag liegt darin, einmal einen eher zwar kirchlichen, aber auch gesellschaftspolitisch kritischen Vertreter der Kirchengemeinschaft einzuladen. Gedacht wurde an einen Mitarbeiter der „Hermannstädter Zeitung“.

3. Der Verein „Ein Haus für morgen“ (RAGH)

leistet ebenfalls einen sehr wertvollen Beitrag zur Überwindung struktureller Gewalt. Das einstmals drittgrößte Waisenhaus Europas steht vor seiner Einstellung, weil viele der Kinder in Familien oder in familiengleiche Wohnsituationen (Familienhäuser) einen Platz finden, wo sie Liebe, Zuwendung und Entfaltungsmöglichkeiten erfahren. Dieses Beispiel wurde in ganz Rumänien aufgenommen, wird mittlerweile durch den Europäischen Rat mit erheblichen Mitteln gefördert und bedeutet eine wesentliche Alternative zur zerstörenden Existenz „abgegebener“ Kinder im Waisenhaus. Die RAGH setzt ihre Arbeit sowohl in praktischer Kleinarbeit als auch in sozialpolitischer Hinsicht fort. Diese Entfaltung zur Entwicklung einer menschlichen Jugendhilfe bedeutet eine wesentliche Voraussetzung für eine Annäherung Rumäniens an Europa. Die kleine praktische Wirkung von bald fünf Familienhäusern unserer Gruppe mit ihren konkreten Kindern und die politische Auswirkung des Tuns der Gruppe, die von Anfang an versuchte, auch andere von diesem Modell zu überzeugen, sind kaum in einem Atemzug zu beschreiben. Die Gruppe von mir als Teil der Gemeindearbeit gegründet und ist nach meinem Weggang aus Hemmingen ein Verein, der von einem fünfköpfigen Vorstand geführt wird, in dem besonders der Arzt Johannes Leonhardt hervortritt.

4. Holzwerkstatt

Es gibt auch unsere Verantwortung für Jugendliche, die das Waisenhaus verlassen. Eine von uns seit Anfang geförderte Einrichtung ist eine Werkstatt für Holzspielzeug, in der sowohl Jugendliche und junge Erwachsene aus der Stadt wie aus dem Heim eine Existenzmöglichkeit finden. Die Werkstatt beschäftigt derzeit 31 Mitarbeiter. Der Kirchturm-Verlag Martina Gerts e.K. vertreibt Holzkreuze in vielen Gemeinden unserer Landeskirche. Dieser Einsatz bedeutet etwa 10-20 % der Einnahmen der Werkstatt, die gegenwärtig nach Möglichkeiten sucht, die Arbeitsmöglichkeiten mit einem neuen Gebäude zu verbessern. Überschüsse der Einnahmen gehen an den Förderverein „Lasst die Kirche im Dorf“ in Ehlershausen.

5. Socken aus Viscri (Weltgebetstags-Projekt)

Ein Projekt, in dem durch Eigenarbeit (Herstellung von Wollsocken) ca. 130 Frauen – und damit Familien – eines ehemaligen sächsischen Dorfes namens Viscri (Deutschweißkirch) sich etwa die Hälfte eines durchschnittlichen Monatsgehaltes dazu verdienen können. Das Weltgebetstagskomitee hat die Erstellung einer Spinnerei zum Projekt ernannt. Gegenwärtig werden monatlich ca. 1000 Paar Socken hergestellt, was zur Entwicklung eigener Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen, die sonst unter der Armutsgrenze leben würden, wesentlich beiträgt.

6. Persönliches Engagement

Vier meiner Kinder stammen aus Rumänien, und es ist absolut notwendig, dass sie zur Entfaltung ihrer Identität den Kontakt zu ihrer Herkunft nicht verlieren. Dies ist der persönliche Anteil dieses und jedes anderen Besuches. Ich versuche, dem zu entsprechen, indem ich zwar um Genehmigung von „Dienstreisen“ für die Fortführung all der genannten Tätigkeiten bitte, aber die Kosten der Reisen größtenteils selbst trage. Die Vernetzung von Dienst, Familie und persönlichem Engagement erscheint mir als unauflösbar.

Reisebericht

In zwei Fahrzeugen beginnt die Gruppe am

Ostermontag, 1.4.2002

ihre Reise. Zwischenübernachtung in Barand, kurz vor der rumänischen Grenze. Die Gruppe bespricht ein Problem des folgenden Grenzüberganges und bildet entsprechende Strategien. Ein Mitglied ist Inderin, mit einer so genannten „Green Card“. Ihr wurde kein Visum erteilt. Einerseits behauptet die Polizei, dass es für einen Gast der Schengener Staaten nicht erforderlich sei, auf eine Einladung einen Beglaubigungsstempel zu erhalten, da er einreisen darf; andererseits fordert die Rumänische Botschaft in Berlin genau diesen Stempel, um ein Visum zu erstellen. Selbst mit Hilfe der Niedersächsischen Staatskanzlei konnte dieses Problem nicht gelöst werden. Falls die Inderin an der Grenze abgewiesen wird, muss auch ihr Freund mit dem privaten PKW die Rückreise antreten. Die Situation ist gespannt. Es wird beschlossen, dass die erste Gruppe mit einem Vorsprung vor der zweiten Gruppe zur Grenze reist.

Dienstag, 2.4.2002

So geschieht es. Als die zweite Gruppe die Grenze erreicht, ist „Shweta“ bereits offiziell von den Grenzern abgewiesen. Verhandlungen beginnen. Bei unserer Ankunft erklärt man uns, dass es nicht vorgesehen sei, dass Inder nach Rumänien einreisen dürften, und dass ohnehin die Grenzer beauftragt sind, keinerlei Visa mehr auszustellen.

Ich versuche meinen Beitrag, indem ich erkläre, dass ich Mitglied der Deutsch-rumänischen Gesellschaft sei, der Parlamentarier beider Länder angehören. Ich erkläre die Rechtssituation, die nach Übereinkunft einen Grenzübertritt zulässt, und stelle in Aussicht, von dieser Begegnung offiziell zu berichten. Außerdem vermittle ich einen „erläuternden“ Telefonkontakt zu unserem Mitarbeiter in Rumänien. Die Grenzer geben sich Mühe. Sie suchen das Telefonat mit der vorgesetzten Stelle in Bukarest, der nach einer Stunde glücklich entsteht. Shweta darf mit einreisen. Bis dahin wurden auch uns die Papiere nicht zurückgegeben. Neu und positiv überraschend ist, dass nachträglich angebotene „Geschenke“ nicht angenommen wurden. In RO tut sich was!

Die Straßenverhältnisse sind teilweise „europäisch“, teilweise so katastrophal, dass Schritt-Fahren angesagt ist. Alles zusammen genommen hat sich hier sehr wenig geändert.

Da wir auf verschiedene Familienhäuser und Familien verteilt sind, wird der Abend dem Ankommen und Kontaktaufnehmen gewidmet sein. Am Ende muss gesagt werden: Melanie, die in dem entferntesten Familienhaus lebt, hat einige Probleme auf sich nehmen müssen, um zur Gruppe zu kommen. Auch Tina, die gerne das Waisenhaus besucht hätte, konnte dies nicht, weil es trotz Absprachen eben anders kam. Es hat sich etwas gerächt, dass vor der Reise keine Zeit zu klareren Vorabsprachen waren. Meinen Teil habe ich versucht beizutragen, dass wir einige Vorhaben, die man sich vornahm, nicht „verschoben“ oder „fallengelassen“ wurden.

Familienhäuser. Bei meinem Ausscheiden aus der RAGH standen Ort und Zahl der Familienhäuser in Ujsekely fest. In der Zeit, in der ich nicht Mitglied der RAGH war, wurden zwei weitere Häuser, die wir damals schon im Blick hatten, errichtet. Sie machen äußerlich einen sehr guten und gepflegten Eindruck. Das gilt auch für Familienhauseltern und die Kinder. Es war ein absoluter Schock für mich, dass nach den Erfahrungen mit den ersten beiden Häusern und den versuchten Konsequenzen, auch die weiteren Häuser noch schneller „verschimmelt“ sind, als die vorigen. Ich frage: Wo liegt die Ursache, dass wir mit unangemessenen hohen Geldmitteln und entsprechenden Mahnungen nicht erreichen können, dass ein trockenes Haus gebaut werden kann? Der private Anbau eines Mitarbeiters in derselben Zeit mit einem nicht geförderten Privathaus, aber 4 cm Isolierschicht vermied solche Probleme souverän. Da ist etwas faul im Staate ..., nein, nicht Dänemark. Auch der Aufenthalt und manches Fragen konnte zu keiner Klärung beitragen.

Ich musste feststellen, dass inzwischen die wenigen Familienhäuser „nummeriert“ werden. Nach meinem Geschmack ist das nicht. Wir haben die Namensgebungen diskutiert. Ich werde mich nicht daran beteiligen, ohne undemokratisch sein zu wollen, anstatt von Häusern, Menschen, Orten, Himmelsrichtungen, Nummern einzuführen.

Ganz zweifellos habe ich viele glückliche selbstbewusste Kinder erlebt, und durch die Bank Erzieher, die sich selbst investieren, um Eltern zu sein. Das furchtloseste und selbstbewussteste Beispiel habe ich bei den Erziehern von Bögöz erlebt. Die haben einfach keine Angst, etwas zu verlieren und tun alles für „ihre Kinder“. Diese Erfahrung gilt aber auch für alle anderen. Und ich war sehr froh darüber, dass hier sehr sensibel gearbeitet wird. Mehr als ich hat Johannes in eigener Erkenntnis dies erkannt und weitergegeben. Er hat in deutlichen Worten die Erzieher gewürdigt und ihnen die Möglichkeit verschafft, sich frei über alle Probleme zu äußern. Ich hatte auch den Eindruck, dass dieses Angebot mit großem Vertrauen aufgenommen wurde.

Am Abend dieses Tages haben wir uns in Laszlos (der Geschäftsführer unseres „Parallel-Vereins) neuem Haus getroffen, um die Erfordernisse der kommenden Tage grob abzusprechen.

Mittwoch, 3.4.2002

Laszlos alte Wohnung wurde von EMDA gekauft und ihm als Büro, auch für uns, zur Verfügung gestellt. Er hat dort viele Möglichkeiten, die auch uns dienen werden, und möglicherweise wird einmal aus Papierstapeln eine geordnete Registratur. Sein PC ist up to date, was dann auch mehrere Mitglieder unserer Gruppe zu nutzen wussten. Allerdings kam der Besuch in der Spielzeugwerkstatt in Gefahr, und da versuchte ich mich durchzusetzen, dass dieses Anliegen nicht verschoben wird – allein um Stefans willen, der aus diesem Grund mit mir mitgegangen war.

(Laszlo hat in seinem Arbeitsvertrag die ausdrückliche Erlaubnis, Kontakt zu anderen Gruppen zu halten, die auch der Entwicklung Rumäniens dienen. Damit Laszlo einen Teilseiner Arbeitszeit für Emda-Projekte einsetzen kann, finanziert Emda eine Hilfskraft, einen ehemaligen Studienkollegen. Die Kraft wirkt wenig Vertrauen erweckend und wird auch zum Teil von Verantwortlichen für die Familienhäuser abgelehnt. Der Sinn dieser Anstellung liegt aber nach Laszlos Beschreibung in dem Versuch einer Resozialisierung.)

Das Ergebnis des Besuches war eher bedrückend. Es ist wunderschön, dass 31 Menschen einen Job haben dort. Aber es ist nicht mehr als ein Job. Man lernt nichts hinzu, man kriegt eine einzige Verrichtung beigebracht, und die muss man genau so bis zum Umfallen und bis zum nächsten Auftrag erledigen. Niemand von den jungen Leuten besucht eine Berufsschule, niemand hat eine, auch nur minimale Ausbildungschance dort. Dennoch fragte ich, wieso das Angebot (von Johannes und von mir getragen) für den Umzug in eine neue Werkstatt und eine Vergrößerung einen Antrag an die RAGH zu stellen, nicht aufgenommen wurde. Dem wurde widersprochen. Eine Voranfrage für den Antrag war an die RAGH gemailt worden, und auch die Zusage, dies bei der nächsten Vorstandssitzung zur Sprache zu bringen. Dies hat offenbar nicht stattgefunden. Dennoch wurde Istvan von Johannes und mir empfohlen, das Anliegen weiter zu verfolgen.

Indes, es gibt Zweifel. Nachdem ich jahrelang der deutschen Öffentlichkeit, die die Holzkreuze gerne kauft, ständig plakatiert habe, es ginge um 10 Heimabgänger, mussten wir feststellen, dass noch ein einziger Heimabgänger in dem Projekt beschäftigt ist. Die anderen hat DOMUS mit besseren, sprich: finanziell besseren, Angeboten abgeworben. Istvan wurde klar gemacht, dass er einen Antrag nur dann stellen darf, wenn es wieder um Jugendliche geht, die aus dem Heim ausscheiden. Nachdem ich auch in den Familienhäusern nur ungarische und einige wenige, aber sehr hellhäutige Zigeunerkinder (immer schon die große Masse im Waisenhaus) erlebt habe, kommen mir Zweifel, ob wir Istvan etwas vorhalten dürfen. Mein Eindruck ist, dass das Verhältnis von Roma- und ungarischen Kindern in de Familienhäusern nicht repräsentiert ist. Dies ist sicher zu verstehen durch die Tatsache, dass die Erzieher selbst den größten Einfluss auf die Auswahl der Kinder haben und auch haben sollten.

Hautfarbe zählt. Bei unserem Grenzaustritt nahmen wir uns unfreiwillig viel Zeit. Auch die Grenzerin, die Stefan und Lisabet betrachtete, sagte ironisch: Aha, Sie haben ja korrekt nach Hautfarbe adoptiert. Dies war nur einige ihrer uneingeforderten Bemerkungen über die „Adoption“.

Einerseits kann ich sehr wohl verstehen, dass auf solche abstrakten westlichen Ansprüche, die Roma nicht zu diskriminieren, wenig Verständnis folgt bei denen, die in ihren traditionellen Gegebenheiten leben und entscheiden müssen. Andererseits war ich doch etwas enttäuscht.

Kurz wurde auch ein „angedachtes“ Haus für das Familienhaus Keresztur (oder Nr. 5) besucht. Es kann bei günstiger Renovierung und Ausbau des Dachgeschosses 6-8 Kindern Platz bieten. Die Bausubstanz ist gut. Alle Versorgungsanschlüsse sind gegeben, was ein wichtiger Gesichtspunkt ist. Das größte Problem liegt darin, dass dafür nur zwei Arbeitskräfte zur Verfügung stehen könnten. Lösungsmöglichkeiten hinsichtlich einer dritten Arbeitskraft wurden diskutiert und sind durchaus realistisch. Johannes sieht zusammenfassend eine gute Alternative darin, dies verkleinerte Familienhaus zu betreiben. Ich kann ihm nur zustimmen.

Der Besuch anschließend in Rugonfalva (für Innenstehende „Haus 1“) zeigte die bekannt klaren und schönen Verhältnisse. Der anschließende Besuch in Bögöz (Haus 2) begeisterte, trotz des gesundheitsgefährdenden Schimmels. Dieses Haus besteht nur wegen einer Gesundheitsanalyse des Trinkwassers, die durch Wasserentnahmen an anderem Ort gefälscht ist. Dies mag klug gewesen sein. Aber niemand von uns, sondern die Heimeltern haben sich Gedanken gemacht, dass das nicht geht. Sie holen das Trinkwasser für die Kinder mühsam von Homorod. Das zeugt von einem unendlich hohem Verantwortungsgefühl. Bei der Mitgliederversammlung wurde festgestellt, dass bei einer tieferen Brunnenbohrung durchaus bessere Chancen bestünden, aber dies wurde bereits lange in Auftrag gegeben und ist nicht erfolgt.

Die Kinder von Rugonfalva, Bögöz und auch ihre Eltern rühren mich ans Herz. Ich und auch Tina sind beinahe allen schon begegnet. Wir haben die meisten fotografiert und sie „interviewt“. Wie sehr haben sie sich in der kurzen Zeit verändert!

An diesem Tag fand auch das Gespräch mit allen Erziehern statt. Auch hier wurden vorher manche Hindernisgründe genannt. Es fand dennoch statt, und es war ein Erlebnis von großem gegenseitigem Vertrauen. Natürlich in Bögöz, Haus 2, dessen „Wohnzimmer“ dazu einlädt. Die einzelnen Ergebnisse wurden von Johannes, der (bis auf eine Telefonpause, die ich genutzt habe) protokolliert. Da gibt es viele einsichtige Wünsche. Allein aber die Tatsache, dass solche Gespräche stattfinden, ist ein Segen.

Ich habe an diesem Abend das geteilte Projekt des Posaunenwerkes erläutert. Es gab vorsichtige Zustimmung. Ich habe die Erzieher gebeten, sich in den folgenden Tagen Gedanken darüber zu machen, und dann noch einmal miteinander darüber zu sprechen.

Donnerstag, 4.4.2002

Wir haben ausgeschlafen. Anschließend war eine Fahrt zum Projekt von Harald in Viscria und seiner Frau Maria geplant, Johannes und Fam. Gerts. Leider ist uns entgangen, dass Melanie auch mitfahren wollte. Als sie sich mit Handy aus Bögöz meldete, waren wir bereits unterwegs. Irgendwie einer der Koordinationsfehler. Als wir über eine durchgehend als Baustelle aufgerissene Straße fuhren, sind wir dann wohl an Viscri vorbeigefahren. Das Schild war abgenommen, wie wir später feststellten. Also fuhren wir durch nach Kronstadt und hatten einen sehr schönen Nachmittag. Irgendwie landeten wir bei einigen Second-Hands- bzw. Antiquitätenläden. Eine überraschende Mischung, aus abgezwacktem Gut westlicher Hilfstransporte, ganz eindeutig erkennbar, und auch an den Preisen. Und andererseits irren, teils wunderschönen Antiquitäten. Ein Mitfahrer interessierte sich für eine wunderschöne kleine alte Truhe, der Gestalt nach etwa aus dem 16./17. Jahrhundert. Für keine zweihundert Mark. Dies Beispiel ist kein Einzelfall. Eine Jugendstil-Truhe war für 90 Mark zu habe. Ein riesiges wunderschönes Segelschiff wurde mir gleich von meiner Frau nicht genehmigt. Gespür vielleicht. Der ganze Gruppe ist es wohl nicht gelungen, da die Kapitalisten zu spielen und für wenig Geld viel zu erwerben.

Bei einem Kaufhausbesuch gab es ebenfalls ein eindrückliches Erlebnis. Da baggerten uns im Eingangsbereich zwei vermutliche Gymnasiastinnen an, um Geld für ein Kinderhaus (= Familienhaus) bei Kronstadt zu sammeln. Statt zu zahlen, versuchte ich ein Gespräch, erklärte, dass wir dasselbe machen. Aber Gespräch stand für sie nicht zur Debatte, Geld war gefordert. Ich weiß nicht, warum ich keinen Euro gab. Ich war einerseits enttäuscht, andererseits vielleicht auch ein bisschen stolz, dass unsere Idee auch in Kronstadt zündet. Vor wenigen Jahren hat ja auch John Tiriac alle Medien damit beschäftigt, (was mir nie gelang), sein Familienhausprojekt vorzustellen. Nicht für uns, sondern auch für ihn, war die Tagesschau gut. Allerdings, es zeigte sich, seine Familienhäuser sind in der Tat Häuser für Waisenkinder, wenn sie schön sind, und wenn sie einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten besitzen. Ich hoffe, es ist ein anderes Haus, für das sich die jungen Damen stark machten.

Als uns der Hunger kam, aßen wir in einem sehr vornehmen, rumänisch geführten Restaurant. Ich bestellte Cordon bleu und Kroketten. Der Preis war für rumänische Verhältnisse edel. Die Kinder bestellten Pommes frites. Einerseits hatten wir plötzlich eine Kellnerin, die ausschließlich für unseren eigenen Tisch da war. Das hatte ich noch nie erlebt, und sah mich gleich wieder als deutlich erkennbaren Westler, trotz Fleck auf dem Hemd. Andererseits bekam ich dann einen sehr großen Teller, mit sieben hart einpanierten Gegenständen. Der etwas größere war das Cordon bleu. Ach so, es lag noch ein Salatblatt auf den Teller. Man muss sich, wenn man ein Menu haben will, jede Komponente einzeln zusammenstellen. Die Pommesportionen der Kinder, waren allerdings weniger als das, was eine einzige ungarische Portion zeigt. Ein dickes festes gelbliches Gel, das auf die Anforderung „Majo“ sein sollte, wurde von ihnen nicht angerührt. Ich muss ergänzen, dass wir auch gut annehmbares Essen in einem anderen rumänischen Restaurant erhielten.

Am frühen Abend suchten wir doch noch danach, Maria in Viscri zu besuchen. Es gelang. Einige gezielte Nachfragen führten uns in das abgelegene Dorf. Mein Eindruck ist total widersprüchlich. Johannes zeigte das Haus, er kannte es bereits. Ein krimineller Bretterverschlag in Balkonhöhe: Hier schlafen sie. Ein sehr rustikaler Tisch draußen: hier essen sie. Eine Art Ofen draußen: hier kochen sie. Alles windschief, ich hoffe, es kommt dort nie ein Erdbeben. Als wir schon gehen wollten, öffnete Maria. Sie freute sich, erhielt ihre Schokolade und andere Dinge, aber betrachtete sie nicht einmal, und führte uns herein. Gegen die bereits entwickelte Annahme gab es auch drinnen Küche, Tisch, Schlafzimmer für mehr als den Winter. Ich war beruhigt. Da ich zu beiden seit Jahren Briefkontakt habe, sie mein Buch kennen und wir uns darüber schriftlich ausgetauscht haben, war die Kontaktaufnahme sofort herzlich. Ab und zu kam eines der betreuten Kinder herein. An ausländische Gäste schienen sie gewöhnt zu sein, keines nahm besonders Notiz. Maria, eine Mischung aus harter Arbeit, die man an den Fingern sieht, gepflegt, Willen und Verstehen, und mit niemanden, den man kennt, vergleichbar. Schade, dass Tina und ich den männlichen Gegenpol nicht kennen lernen konnten. Falls ich nach RO fahre, glaube ich, dass ich noch einmal dort hin fahren muss. Es entstand ein schönes Gespräch, über uns, die Kindererziehung, die Aussichten, über die Ergebnisse schon der Vorbereitung des Weltgebetstages: Seit Monaten müssen die Frauen in Viscri monatlich über 1000 Socken herstellen und kommen kaum noch nach. Berichte über die zweimalige Anzündung der Produktionsstätten dank eifersüchtiger Nachbarn, über das neue Projekt, einer richtig guten, wenn auch mit deutschem Altgut bestückten Spinnerei, die nun entstehen wird. Über die Schwierigkeit der Familie: Sie und er: deutsche Aussteiger, wirklich im Vollsinn des Wortes, die von Anfang an Segen stiften, wie ihn wohl nur die stiften können, die „auszusteigen“ wagen. Wo auch immer ich war, habe ich in den folgenden Tagen bemerkt, Harald kennt jeder in RO, und sie gehören zum Inventar. Über die 12-jährige Tochter, im Internat in der deutschen Schule in Schäßburg lebt, was die Grenzen jedes Ausstiegs zeigt. Tina und ich (Johannes kannte sie ja schon) waren sehr berührt von der ungewöhnlichen Begegnung.

Meine Erinnerung war eine andere: In meiner vorigen Gemeinde hatte ich mich zwei Jahre fast vergeblich bemüht, Socken aus Viscri an den Mann, die Frau, oder das Kind zu bringen. Nach einigen freundlichen Mahnungen habe ich dann die kleine Summe angewiesen. Ich kann aber immer noch mitteilen, wo es (bei Knappheit) noch Socken aus Viscri gibt. Zwischen dieser alten und der neuen Erfahrung liegen unbeschreibliche Welten. Die Entfernung zwischen beiden spüre ich Jahre über Jahre in meinem eigenen Herzen.

Am Abend sind wir mit Laszlo und Magda allein. Ein anders schönes, aber auch wichtiges Gespräch. Ich möchte sehr gerne Laszlo mehr von dem zeigen, was pünktliche, planende, rechnende Deutsche von einem ungarischen Mitarbeiter in RO erwarten. Es gibt, wie Laszlo gerade in den kleinen Finanzfragen zeigt und mailt, einige Unzufriedenheit bei ihm. Aber es gibt auch viel Unzufriedenheit in der RAGH. Ich selbst befürworte Laszlos selbständiges Handeln, und darin ist er ein Segen für die RAG, die ohne dieses in entscheidenden Fragen nicht weiter gekommen wäre. Und weiter ging es immer. Andererseits kann ich auch viele Unzufriedenheiten verstehen. Was soll denn geschehen, wenn klare Aufträge erteilt, Geld zur Verfügung gestellt werden, und anschließend sich ergibt, dass aufgrund eigenständiger und auch nicht ganz falscher Überlegungen dann alles ganz anders kam? – Gerade als Zeichen meiner persönlichen Freundschaft, die nicht an diesen Beruf Laszlos (mit Angeboten kann er sich vermutlich die Wände tapezieren) geknüpft ist. Ich versuche ihn zu halten, aber auch, die RAGH bei Laszlo zu halten, was für die RAGH immer schon ein schwieriges Thema war. Noch kein Dilemma, aber es könnte eins werden.

Freitag, 5.4.2002

Die RAGH-Gruppe und auch Laszlo fahren nach Sibiu, Hermannstadt. Der Bus ist voll. Während der Fahrt bespreche ich meine Aufgaben, die an diesem Tag, dem Posaunenwerk und der Ostkirchenarbeit gelten. Da Laszlo meiner Bitte nicht entsprochen hatte, diese Besuche vorzubereiten, obwohl ich ihm präzise Angaben wochenlang übermittelte, musste alles mit heißer Nadel gestrickt und aufeinen weitmöglichst entfernten Termin angesetzt werden. Romanian oder Hungarian way of Life. Die anderen Mitarbeiter besuchten eine schöne Stadt, machten Einkäufe. Das erste Gespräch fand im Hause der „Hermannstädter Zeitung“, einer der beiden einzigen deutschsprachigen und gleichzeitig kirchlichen Zeitungen statt. Der Auftrag der Ostkirchenarbeit liegt darin, einen kompetenten Referenten und Gesprächspartner für die nächste Rumänienkonsultation der Ostkirchenarbeit zu werben. Der Gesprächspartner ist Herr Weber, der Redaktionsleiter. Im Gespräch über mögliche Themen, beginnt Herr Weber, automatisch zu referieren. Klar, kompetent und begeisternd. Ich (ich hoffe auch, Johannes, der an dem Gespräch teilnimmt) gewinne sehr schnell den Eindruck, dass das der richtige Gesprächspartner ist. Da Herr Weber auch zwei Kinder in Deutschland hat, wenn ich es richtig

verstanden haben (Bielefeld und Berlin) ist er einem Besuch gar nicht abgeneigt. Er wird keine großen Ansprüche verfolgen, vermutlich mit eigenem Auto fahren. Auf Rat von Herrn Nolte (AfG) suche ich weitere Träger der Kosten und damit Gesprächspartner. Johannes hat bereits im Vorfeld eine Beteiligung der RAGH in Aussicht gestellt. Eine weitere Möglichkeit wird hoffentlich die Deutsch-Rumänische Gesellschaft sein. Es wäre alles sehr einfach, gäbe es da nicht ein Problem, das ungelöst ist.

Die Redaktion besteht aus ganzen fünf Mitglieder. Der Stellvertreter von Herrn Weber erwartet im Herbst eine Hüftoperation. Falls dessen Ausfall auf die angedachte Besuchszeit fällt, kann Herr Weber nicht nach D kommen, da sonst eine übermäßige Unterbesetzung der Redaktion gegeben wäre. Herr Weber schlägt vor, sich dann um ein deutschsprachiges Forumsmitglied zu kümmern, das diese Aufgabe auch erledigen könnte. Allerdings hat Johannes für diesen Fall signalisiert, dass dies nicht der Vorstellung der RAGH entspräche, einen kompetenten Pressemenschen nach Hemmingen zu holen. Dies bringt dann wieder ein Finanzierungsproblem. Der Vorsitzende des Forums, ein Wolfgang ... (Nachname vergessen) ist mir über den Weg gelaufen. Auch eine Anfrage an ihn wäre eine geeignete Möglichkeit und ich stelle mir vor, auch mit ihm könnte die DRG etwas anfangen.

Die Absprache lautet, dass wir im Sommer klären, wie die Termine liegen. Ich möchte den Versuch, Herrn Weber „anzuwerben“ noch nicht aufgeben.

Mein zweiter Besuch ist der bei Herrn Philippi, dem „Landesmusikwart“, die Entsprechung einer sehr kleinen, deutschen, rumänischen, lutherischen Kirche zu dem, was man bei uns Landeskirchenmusikdirektor nennt. Die Größe der Kirche bewegt bei mir keine Gedanken über höhere oder geringere Kompetenz. Er hat sein Büro in einem Gebäude, das man bei uns Landeskirchenamt nennen würde. Ohne Straßennummer, geschweige denn einen Anschlag, wer sich hinter dem alten, ehemals repräsentativen Haus verbirgt. Ich musste erst in das schräg gegenüber liegende Büro des Forums (Deutsche und Kirche in der rumänischen Politik, was für stattlichere Selbstrepräsentation steht, als eine Kirchenleitung) nachfragen, um Adresse und Haus zu finden. Im Hinterhof tatsächlich auch ein kleines Schild. Die deutschsprachige Kirchenmusik ist repräsentiert in einem Büro mit kleinstem Holztischchen, auf ca. 17 qm, umgeben von Regalen, voll gestopft mit Aktenbergen. Sympathie erregt, dass von der Decke ausgerechnet fünf halb verquetschte Blasinstrumente abgehängt sind. Nachfragen ergeben später, dass auch ein Sohn Blasen lernt. Ein eindeutiges Zeugnis, dass späteren Berichten widersprechen wird, dass Kirche und Blechblasen irgend etwas miteinander zu tun haben müssen. Recht großzügiges dagegen, dass drei Holzstühle vorhanden sind. Keiner muss stehen. 

Herr Philippi schildert uns ausführlich Grundzüge der siebenbürgischen Musiklandschaft.

Instrumentalunterricht wird fast ausschließlich individuell erteilt. Ziel eines Kindes, das kontinuierlich Musikunterricht erfährt, ist in der Regel der Eingang in ein Orchester. Dies wird natürlich nur bei einem Bruchteil von Musikschülern zur Realität. Eine „Zwischenebene“ von Haus- oder Kammermusik wird dennoch nicht genutzt. Sie ist schlicht unbekannt.

Musik der Ungarn. Etwas vertiefte Musiktraditionen, es gibt auch Blaskapellen. Deren Zweck liegt aber ausschließlich darin, bei Beerdigungen oder bei Volksfesten zu blasen. Auch wenn Bläsergruppen kirchennah sind, ist es nicht üblich, in Gottesdiensten den Gemeindegesang zu begleiten. Man bläst vor oder nach dem Gottesdienst vor der Kirche.

(Einige gegenteilige Einzelerfahrungen konnte ich aber machen. Es ist durchaus schon vorgekommen, dass „Posaunenchöre“ in ungarischen Kirchen Siebenbürgens gespielt haben. Ein Pfarrer hat mir davon berichtet.)

Musik der Siebenbürger Deutschen. Ähnliche Verhältnisse wie bei den Ungarn. Aber da sowohl Ungarn wie Deutsche, Kirchenchor-Traditionen kennen, wird ein Bläsereinsatz bei einem Besuch in Siebenbürgen im Jahr 2003 durchaus auf Entgegenkommen stoßen. Während ich in Ungarn weile, kommt in D bereits eine positive, einladende Reaktion aus Schäßburg.

Gedanken zum Projekt. Den Einsatz mit sozialpädagogischem Ziel unter den teils ehemaligen Heimkindern begrüßt Herr Philippi. Durch seine Erläuterungen ist bewusst geworden, dass hiermit in Siebenbürgen absolutes Neuland beschritten wird. Er rät ab vom Einsatz eines rumänischen Musikers, teils wegen der oben beschriebenen Einstellung, teils wegen der dann aufkommenden Sprach- und Nationalitäts-Barrieren.

Er rät entweder zur Gewinnung eines ungarischen Orchestermusikers aus Cluj oder Tirgu Mures, oder zum Einsatz des von uns ins Auge genommenen Musikpädagogen, rät dann aber dazu, dass er gehalten werden soll, kontinuierlichen Unterricht bei einem Berufstrompeter zu nehmen.

Konzertreise. Hier ist dem Kirchenmusiker große Begeisterung für unser Projekt anzumerken, und er bietet uns sofort seine Organisationshilfe und volle Unterstützung an. Er denkt positiv mit uns über die Nutzung der Möglichkeiten nach. Hier ein vorläufiges Ergebnis:

18./19.4.

  

Fahrt und Ankunft

20.4. (O-Sonntg.)

  

Morgens im Gottesdienst in Schäßburg

21.4. (O-Montg.)

  

Morgens im Gottesdienst in Hermannstadt.

22.-25.4.

  

Drei Konzerte in deutschen Städten, darunter Kronstadt und Medias.

26.4.

  

Beginn der Rückfahrt

20. oder 21.4.

  

Konzert in Keresztur, in einer Kirche

jeden Tag

  

Eine Einheit mit Kindern spielen und blasen

ein einziger Abend

  

zur freien Verfügung

Am Abend dieses Tages sind wir in unserer ursprünglichen „Muttergemeinde“, wo wir aus Hemmingen also auf unseren Reisen meist untergebracht waren, von den beiden Pastoren, dem unitarischen in seinem Haus, und dem reformierten, zum Essen eingeladen. Munter wie am Ende jedes Asterix-Bandes.

Samstag, 6.4.2002

Dies ist unser eher privater Tag. Wir besuchen die Bezirksinspektorin für die Kindergarten im Bezirk, Clara Petzinger, gleichzeitig unsere gute Freundin und Lisabets Patentanten. Wir besuchen die beiden Familien, in denen Stefan und Lisabet aufgewachsen waren. Wir besuchen aber auch Frau Dr. Lukacz, womit ein gewichtiger Anteil des dienstlichen Auftrags angezeigt wird.

Die Reise nach Czik (Kurzform des Namens), der Bezirkshauptstadt, geht durch frischen Schnee. Erstmalig sind wir nur als Familie unterwegs. Herzliche Begegnungen bei allen vier Besuchen.

Frau Dr. Lukacz ist in einer Hinsicht nicht nur privat (sie trug zur Vermittlung unserer beideren jüngeren Kinder bei), sondern bezüglich auf die RAGH (bei ihr wurde 1994 die Idee der „Familienhäuser“ im Gespräch zwischen Tina, mir, Clara und Frau Dr. Lukacz geboren. Bereits ein Jahr später verwirklichte sie selbst diese Idee am konsequentesten: seit ca. 1995 ist kein einziges ihr zugewiesenes Kleinkind (oder Säugling) mehr in ein Heim gekommen. Konsequent und ausschließlich hat sie alle Kinder in Familien und Adoptivfamilien weitergegeben. Lange bevor, die EG ähnliche Lösungen dem rumänischen Staat abforderte. Wir haben sie in all diesen Zeiten bei jedem Aufenthalt besucht und mit ihr über die Dinge diskutiert.

1992 oder 1993 machte sich der Hannoversche Pädagogikprofessor ungarischen Geblüts, Dr. Peter Edvi, auf das ihr anvertraute Säuglingsheim zu renovieren. Er versprach einen Einsatz vieler Internationaler Gruppen, die jeweils ihren Teil in einem „Fachbereich“ des Umbaus mit allem Einsatz beitragen würden. Um lange Berichte vorwegzunehmen: Immer noch ist das Haus zehn Jahre später eine Bauruine. Da Frau Dr. Lukacz den Umbau ab ca. 1994 zum Anlass nahm, die Kinder aus dem Heim (Säuglingsheime gelten als „Abteilungen“ der Krankenhäuser und werden deshalb von Ärzten geleitet) nahm und mit großem Einsatz dafür sorgte, dass das Haus diesen Zweck auch nicht mehr erfüllen muss, konnte die Bezirksregierung über neue Verwendungen nachdenken. Etwa 1996 berichteten wir über die „Sozialpädagogischen Zentren“ wie in Hannover, und dieser Gedanke wird bis heute dort in ähnlicher Art verfolgt.

Vor einigen Jahren trat Prof. Edvi frisch erstarkt wieder in Czik auf, umgeben von einer Reihe von Vertretern der „internationalen Gruppen“, erhob heftige Vorwürfe gegen Frau Dr. Lukacz direkt vor der Bezirksregierung, versprach die Fertigstellung des Hauses, aber nur unter der Bedingung, dass Frau Dr. Lukacz, die unter anderem für den Verlust gelagerten Baumaterials verantwortlich sei, aus ihrem Amt entfernt werde. Weinend erzählte sie uns diese Geschichte.

Vor kurzer Zeit wurde der RAGH über einen Mittler das Angebot von Prof. Edvi unterbreitet, in diesem „Zentrum“ auch eine Familienhausabteilung zu errichten. Bereits in Vorgesprächen habe ich versucht, Johannes vor diesem Schritt zu warnen. Herr Prof. Edvi hatte sich schon den Ruf erworben, dass er „nie etwas fertig kriege“. Aber ausschlaggebend war einfach auch der Gedanke, dass eine Abteilung in einem Multiverwendungshaus für 10 Vorzeige-Kinder nicht dem entspricht, was wir unter einem „Familienhaus“ verstehen. Unsere Konzeption sieht die Unterbringung in Wohngruppen ohne jegliche Ghetto-Funktion vor, integriert in örtliche Wohnbereiche. Dies wäre dort das Gegenteil.

Um noch einmal nachzufragen, besuchten wir Frau Dr. Lukacz. Ihre Sympathie für den Herrn war nicht größer geworden. Ihr ist mittlerweile die Verantwortung für das Haus entzogen, die Verantwortung für die Versorgung der 0-3-jährigen Kinder ist ihr aber geblieben. Ansonsten war in unseren Augen Frau Dr. Lukacz sehr gealtert und sehr erschöpft. Sie pflegt zur Zeit ihren sterbenden Schwiegervater. Sie selbst trägt als Ergebnis ihrer Arbeit mit den „verlorenen Kindern“ die Last einer chronischen Hepatitis-B.

Von dem Besuch habe ich berichtet uend die Angelegenheit gründlich mit dem Vorsitzenden unseres „Parallelvereins“ Sogor Czaba erörtert. E r zeigte sich sehr einsichtig und betonte, dass er ohne nähere Kenntnis und selbst auch mit eigenem Misstrauen nur versucht habe, das Anliegen an die RAGH weiter zu geben, ohne selbst involviert zu sein.

Abend

An diesem Tag wurde ein Fest für den Nachmittag und Abend organisiert, dass in einem Familienhaus alle Gäste, einheimischen Organisatoren, Erzieher und die über 40 Familienhauskinder zusammen führte. Es wurden viele schöne Fotos gemacht. Ich hab einem Jungen meine Kamera in die Hand gegeben. Es entstanden Fotos von vieler Kinder, aber insbesondere kleine Fotoserien einiger junger Damen...

Sonntag, 7.4.2002

Am Sonntag besuchten wir Simofi Jozsef, den Trompeter unter den Heimerziehern, um ihn näher kennen zu lernen und seine Möglichkeiten und seine Bereitschaft, an dem DOV-Projekt mitzuwirken, zu besprechen. Seine Frau ist ebenfalls eine engagierte Heimerzieherin, sie ist schwanger. Herr Simofi stand schon einmal in enger Auswahl als Erzieher für eines der Familienhäuser. Aus persönlichen Gründen hat er damals zurückgezogen.

Er zeigte uns seine Zeugnisse, und die bewiesen, dass er gleichermaßen konsequent, auch noch während seiner Anstellung als Heimerzieher, an seinem beruflichen Fortkommen sowohl im musikalischen wie auch im pädagogischen Bereich gearbeitet hat. Er verfügt über ein Lehrerexamen (Ungarn!), blieb dennoch der Arbeit im Waisenhaus treu. In seiner Qualifikation, aber auch seiner musikalischen wie erzieherischen Praxis entspricht er sehr nahe der Qualifikation, die bei uns ein „Landesposaunenwart“ vorweisen kann. Ich war sehr überrascht.

Es stellte sich schnell heraus, dass Herr Simofi unser Angebot als Chance seines Lebens erkennt und sich mit starken Erwartungen für eine Verwirklichung des Projektes bereit hält. In seiner Frau und mit ihm (ggf. als anderswo angestellter Familienhaus-Vater, wovon wir schon ein gelungenes Beispiel in Bögöz betrachten können) ist auch eine Perspektive für die Familienhäuser gegeben, was eine Entscheidung für diese Person weiter erleichtert. Die entsprechenden Zeugnisse und Qualifikationen hat Joco Simofi schnell beigebracht. Er hat Interesse. Er ist auch uneingeschränkt bereit, deutsch zu lernen, in „fortbildungsdichten“ Zeiten an den Seminaren des Posaunenwerkes teilzunehmen, als auch mitzuwirken. Die Fortbildung durch einen „Trompeter“ aus Tirgu Mures lehnt er eher ab. Das scheint ein Profilierungsproblem zu sein: er hat bereits in diversen Philharmonien geblasen und sieht seine Fähigkeit als gleichwertig an. Er machte auch glaubhaft, dass er im Tonsatz geübt sei, was eine wesentliche Voraussetzung für die Umsetzung ungarischer Kirchenmusik im Interesse der Kinder und ihrer Religionsgemeinschaften ist.

Dieser Besuch hat überzeugt. Falls aus noch nicht erkennbaren Gründen seine Einstellung nicht möglich wird, wurden im Posaunenwerk aber auch praktizierbare Alternativen angedacht. (Dies wusste ich natürlich noch nicht während des Besuches. Ein Ergebnis der KDL-Besprechung – Konferenz der Landesposaunenwarte).

Der letzte offizielle Akt lag in der Mitgliederversammlung unseres ungarisch-rumänischen Parallel-Vereins. Sie dauerte fast fünf Stunden. Es wurde viele Weichen gestellt. Sie wurde von dem Vorsitzenden geleitet. Das ist Sogor Czaba, den wir einstmals als jungen Dorfpfarrer gebeten hatten, diese Aufgabe zu übernehmen. Mittlerweile ist der Vertreter der ungarischen Minderheit Rumäniens sowohl im Parlament als auch im Senat. Durch einen Besuch des Kirchentages in Leipzig hat er auch von allen Teilnehmern die klarste Vorstellung von dem, was kirchliche Posaunenarbeit sein könnte. Er teilte unsere Vorstellungen uneingeschränkt. Ebenso konnten sich Vertreter aller Familienhäuser (jedes Familienhaus war auf der Sitzung vertreten) für das Projekt begeistern. Es wurde sogar sehr konkret über viele einzelne Kinder und ihre Möglichkeiten nachgedacht.

Einer der wesentlichsten Sätze war: gleich ob Sport, Kunst oder Musik: Hauptsache, es passiert mit den Kindern überhaupt etwas!

8./9.4.2002

Über die Zeit des Abschiednehmens soll nicht näher berichtet werden. Wir nahmen 7.000 Holzkreuze mit. Wir fuhren im Interesse der Kinder die Nacht durch. Ich kam keinen Moment zu spät, um zwei anliegende Beerdigungen und eine Urnenbeisetzung im letzten Moment zu bearbeiten.

Diesem Reisebericht liegt eine vollständige Projektbeschreibung bei. Diese zu ermöglichen, war das Hauptziel der Reise.

Wolfgang Gerts

Eine Chance für Waisen im "Land der verlorenen Kinder": Instrumente gesucht!


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