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Reiseberichte: Wilder Osten 2007

Allein im wilden Osten 2007

Inhalt

Mit der Bahn nach RO - gib dem Selbstmitleid keine Chance!

Es wurde Zeit, mich wieder auf Reisen zu begeben, denn in Deutschland erfasste mich das Selbstmitleid. Ich hatte argen Rückenprobleme die mich über Wochen quälten. Doch statt mich zu bedauern, schilderten mir alle anderen ihre ebenfalls vorhandenen Leiden. So fand ich überall Ratschläge, aber kein Mitleid. Ich schleppte arg gebeutelt mich durch die Duisburger City und rastete in der Bibliothek, aber auch dort fand ich im Regal der Lebensratgeber keinen Trost. Statt dessen wurde da Selbstmitleid strikt untersagt.

Um mein Selbstmitleid gänzlich auszurotten, befolgte ich den Rat und setze ich mich der am längsten währenden Bahnfahrt nach Rumänien aus.

Zunächst war das die SparNight im Nachtzug von Duisburg nach Prag für 49 Euro. Man spart nicht nur Geld, man spart sich auch den Schlaf, denn die Lüftung sorgte vor allem bei Stillstand des Zuges für den entsprechenden Lärm. Geschaukel oder Lärm und dann am Morgen das etappenweise Wecken mit lautem Klopfen an die Tür im 6er Abteil.

Die erste schlaflose Etappe war gegen 10 Uhr am Morgen in Prag geschafft. Und es folgte die Bahnfahrt weiter nach Budapest im ICE aus Hamburg kommend zum Preis von 60 Euro für Hin- und Rückfahrt. Sehr bequem und dazu noch die Bahnzeitschrift in Deutsch, die ich allerdings schon gelesen hatte. Am späten Abend dann das Ende der Bequemlichkeit - Endstation in Budapest Keleti pu. Da war auch schon der rustikale Nachtzug nach Bukarest zu erwarten. Hier hätte ich mir etwas Schlaf gönnen können, wenn da nicht der arabische Lebensratgeber ins freie Abteil gedrungen wäre, der mir erklärte, dass Alleinreisen langweilig sei und dass ich doch schnellstens einen Partner brauchte, denn dann wäre ich versorgt und hätte das Vergnügen, nur noch zu kochen und abends auf den Ehemann zu warten. Er bot sich auch gleich an, mich von meiner vermeintlichen Einsamkeit zu befreien und mit mir zurück nach Deutschland zu fahren. Ich dürfte maximal 4 Wochen Urlaub machen, dann wäre es Zeit die Rückreise anzutreten. Seinen Lebensplan für mich entwickelte er bis zur rumänischen Grenze, wo er mit seiner Plastiktüte und zwei Handys ausstieg.

Am frühen Morgen kam ich in Arad an und nahm den Bus nach Baia Mare, in welchem in ständig einnickte, weil mir ein Lebensratgeber fehlte. Nach 6 Stunden Fahrt wechselte ich den Bus in Baia Mare. Dort kam dann endlich Leben auf. Bei über 30 Grad im Schatten bedeutete die Fahrt von 1,5 Stunden im Bus mit den Bauern aus der Maramuresch Leben pur! Man scherzte, man trank und man erzählte die ganze Fahrt. Der Mosch - alter Mann, musste von der offenen Tür weichen, weil das zu gefährlich war, dafür lehnte sich dann ein Mann mittleren Alters, der bereits einen Daumen eingebüsst hatte, an die offene Tür. Nach dem Gutii-Pass tat sich die flache Ebene des Maratales auf und ich wussten, dass ich nun wieder war Zuhause war.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Es ist mir immer erfolgreich gelungen diverse Kirchenmänner zu kritisieren, was mich bei der schwarzen Zunft besonders beliebt machte. So konnte ich schon in der DDR den Gestank des überparfümierten Kirchenmusikdirektors in der Morgenandacht nicht ab, der sich durch seine aus dem Westen importierten Duftnoten vom solidarischen Ostschweißgeruch erheblich abhob. Männer müssen nach Pferd, nach Schweiß und nach Tabak riechen, so gab ich ihm beiläufig unmissverständlich zu verstehen.

In der Maramuresch gibt es noch diese Männer, die nach Pferd und Schweiß riechen. Der Tabakgeruch wird durch Selbstgebrannten ersetzt. Das macht sie irgendwie sympathisch. Sie sind braungebrannt, muskulös und haben einen schweren Gang. Ihre Männer-Tänze sind der Ausdruck des Zusammenhaltes und voller Energie. Sie stampfen mit schweren Stiefeln auf und legen die Arme über die Schultern, als hätten sie eine Verschwörung im Sinn.

Am Pfingstsamstag vormittags tauchten zwei Männer im Gelände auf, um mit Pferd und Eisenpflug das angrenzende Feld zu beackern. Jedoch war auch hier bei 30 Grad erst einmal ein Trunk zur Einstimmung angesagt. Kühles Bier aus der 2-Literflasche und ich musste auch mittrinken. Die sichtbare Arbeitswut wurde nach der Einstimmungsphase durch einen Gewitterguss gebremst. So verging die Zeit und erst gegen Abend begann das Ackern, welches ich ablichtete. Es erweckt sich mir der Eindruck, als ob sich der Mann am Pflug eher daran festhielt, als ihn zu führen.

Die Männer in der Maramuresch sind noch Männer, solange sie zusammen und außer Haus sind. Im Haus hat Frau das Sagen. Frau kämpft nicht um die Emanzipation, sie handelt. Nun darf Frau aus der westlichen Welt sicherlich die herbe Männlichkeit bewundern, jedoch kann sie nicht erwarten, dass Mann ihr abends Gedichte liest...

Gruß aus dem Paradies

Am Morgen ist schon in aller Frühe ein emsiges Gezwitscher zu hören. Viele der Vogelstimmen scheinen zu konkurrieren und manche sind mir gänzlich unbekannt. Noch ruft nicht nur der hauseigene Kuckuck, auch die Nachtigall im Haselnussstrauch an der Hütte singt am Abend bis in die Nacht hinein. Um Mitternacht macht ihr Gesang dann einige Pausen, als würde sie zwischendurch immer mal einnicken. Die Wiese ist voller Blumen, die Frösche quaken, die Grillen zirpen. Ein wunderbares Naturkonzert aus Tönen, Farben und Gerüchen. Man kann es nicht beschreiben, man muss einfach nur staunen und es genießen. Mehr braucht der Mensch nicht.

Seit Pfingstmontag lebe ich zudem luxuriös, denn meine Dusche funktioniert wieder. Bei 25 bis 30 Grad tagsüber ist das eine Wohltat. Abends kommt dann meist ein Gewitter auf, weshalb es dann nachts abkühlt.

Die Blumenpracht um die Hütte ist nun teilweise der Sense zum Opfer gefallen, aber dafür duftet nun das erste Heu. Abends hoppelt ein großer Feldhase auf dem Weg unten an der Wiese, horcht auf und verschwindet dann im Gras. Ein Reh treibt sich auch gelegentlich im Geländer herum, ich habe es aber noch nicht ausmachen können. Fledermäuse haben sich eingenistet im alten Birnbaum. Der in diesem Jahr wie alle anderen Bäume keine Früchte tragen wird, denn mitten in das Blütenmeer kam der Frost. Auch das Paradies ist nicht perfekt.

Pfingsten 2007 Vadu Izei, Maramuresch

Tagelöhner und der Wettlauf mit der Zeit

Ionuţ hat einige Zeit im Westen gearbeitet und sich beim Schaustellergewerbe Geld verdient, welches er 2004 dann in den Aufbau seiner Tischlerei investierte. Das Geschäft läuft gut, denn der Bauboom beschert ihm einige Aufträge für Türen und Fenster. Ionuţ wird nicht mehr in den Westen gehen, denn er lebt hier gut mit Frau und Kind und Haus, was er nach und nach aufbaut. Aber man bewohnt schon einige Räume. 5 Millionen Rumänen arbeiten offiziell im Ausland und die meisten investieren dann in ihrer Heimat in den Aufbau von Häusern. In Negrasti Oas, einem ehemals kleinen Dorf nahe der ukrainischen Grenze sind ganze Villen aus dem Boden geschossen, die das gesamte Dorfbild total verändert haben.

Liviu, Mihais Freund, ist seit 2004 in Italien und seitdem nicht mehr nach Hause gekommen. Es erinnern an ihn nur noch Fotos aus der Zeit, wo man noch zusammen bei der Heuernte war und bei Feiern, wie der Fete an der Cabana in der Bergen, wo Liviu auf dem Zaun tanzte. Auch Adi, der Tischlergeselle arbeitet jetzt im Ausland. Die Eltern von Livia und Liviu aus der Nachbarschaft sind in Italien und die Kinder werden von der Großmutter betreut. Ions Sohn aus Sacel ist in Irland und Ionuţs Schwager arbeitet in Dortmund bei einem Schausteller usw.

Kürzlich war schon frühes Getrappel im Gelände zu hören. Vasile, 14 Jahre, mähte mit dem Großvater die Wiese, rechte das Gras zusammen und packte es mit auf den Pferdewagen. Dann legte er eine schwere alte Wolldecke auf die Fuhre und setzte sein Brüderchen drauf. Ab ging's und so kutschierte er die Fuhre mit den 2 Pferden nach Hause zu seinem Vater, dem Dorfschmied. Ich war erstaunt, dass er schon allein das Fuhr werk lenken durfte, worauf er mir stolz erwiderte, dass er jetzt den Führerschein hätte.

Solange Väter noch mit ihren Söhnen die traditionellen Fuhrwerke führen, ist noch Hoffnung, dass diese nicht aus dem Bild der Dörfer verschwinden.

Die Region wird noch so lange interessant sein, wie man die Tradition lebt. Der Wettlauf mit der Zeit kann nur gewonnen werden, wenn der Agro- und Ökotourismus hier die Kassen der Bauern aufbessert und das Interesse der Fremden an den alten Techniken der Volkskunst besteht. Interesse und Achtung sind die Garanten für den Fortbestand dieser in Europa einzigartigen bäuerlichen Kultur.

Grigor

Grigor ist über 50 und Witwer. Somit hat er kein leichtes Leben, denn die Frau im Haus ist hier kaum zu ersetzen. Grigor arbeite mal hier und mal da, um sich einen Teller Suppe, ein Schnäpschen oder eine Zigarette zu verdienen. Da er vorwiegend die Schnäpschen genoss, ist seine Kondition nicht mehr sonderlich gut, aber es finden sich auch einfache leichte Arbeiten auf den Höfen. So tauchte er hier im Gehöft schon 2002 auf und hatte die Aufgabe, das abendliche Schweinefutter zu bereiten. Grigor lebt von seinen leichten Tätigkeiten und dem Wohlwollen der Dorfgemeinschaft. Niemand wird ihm die Tür weisen, denn keiner will als herzlos gelten. Auch von den Verwandten werden manche schwachen Glieder der Dorfgemeinschaft getragen, denn man fühlt sich dafür verantwortlich. Die Frömmigkeit gebietet Mildtätigkeit und so hat es auch der Bettler in der Stadt nicht schwer, der beide Beine verloren hat. Er hat seinen Stammplatz und man gibt ihm, weil man dankbar ist, dass man noch beide Beine besitzt. Diese Mildtätigkeit nutzen aber auch viele fremde Bettler aus, die zu Feiertagen in Klöstern und Kirchen anreisen und sich arm stellen. So erlebte ich eine junge Frau, die auf Knien um die Kirche kroch. Man gab ihr gern. Später sah ich sie, wie sie im Rollstuhl davon fuhr.

Grigor hat täglich sein Essen, bekommt immer mal eine Zigarette geschenkt und ein Schnäpschen gereicht. Getragene Kleidung kommt bei ihm auch gut an. So lebt er auf seine Weise und hat seinen Platz gefunden, ohne dass er als Bettler bezeichnet würde.

3.6.2007

Wilder Osten 2007     Mihai & Daria

Mihai & Ioanite     neue Hütte

Allein im wilden Osten (2): Tränen, Rauch und Euros

Egal, er weint dem keine Träne nach...

Mein Bestand an Musik-CDs ist hier nicht sonderlich groß und da fiel mir eine von einem Besucher aus Deutschland hinterlassene CD von Reim in die Hände. Doch da das eher melancholische Liedgut nicht zum Lebensgefühl hier passt, hat man mir das Geschenk weitergereicht. Jetzt entdecke ich einen neuen Lebensratgeber, nämlich Matthias Reim. Einfache Antworten auf die komplizierten Vorgänge des Lebens. Mann setze sich beispielsweise in die Kneipe und trinke Bier, bis am frühen Morgen dann die einsame Frau auftaucht. Ich sinne, welche Frau gegen ca. 5 Uhr morgens eine Kneipe betritt. Sie muss irgendwo herausgeflogen sein, irgendeinen Stress mit einem Mann gehabt haben und weil sie ihren Kummer anscheinend auch in Alkohol ertränkt, geht sie in die Kneipe. So scheinen sich tatsächlich zwei zu finden. Was sollen alle diese Singleportale im Internet? Hat Mann keinen Internetschschluss, warte er in der Kneipe, bis sie eines Morgens auftaucht... Die Risiken und Nebenwirkungen des zu lange Wartens übernimmt dann die Krankenkasse.

Ja dann finde ich doch eher entspannende Gelassenheit in dem Lied, wo er seinen Job verliert. Er hatte einmal ein Haus, lebte echt in Saus und Braus und  stürzte ab. Doch da lernte er sein bestes Stück kennen, welches ihn wieder aufrichtete. Wo fand sich die weibliche treue Seele, die ihn auffing? Eventuell im Wartezimmer beim Arbeitsamt. Wie glücklich kann doch so ein sozialer Absturz machen, denn dann findet sich die Traumfrau, welche Mann im Arm halten kann. Unklar ist, ob er Hartz4 bezieht oder noch einen Leistungsanspruch auf ALG 1 hat. Was soll's, er weint anscheinend auch dem keine Träne nach...

Haste mal 'nen Euro...

Nein, ich werde hier im Dorf nicht angebettelt. Aber es ist mir kürzlich passiert, dass am frühen Morgen ein Mann vor meinem Bett stand und nach 'nem Euro fragte. Es ist mein Sprachschüler, der nach einem Unfall nicht mehr so ganz der Normalität entspricht, aber dafür lernt er jetzt Sprachen und wollte immer schon mal ein Metallstück, einen Euro. Was ihn dazu trieb, am Sonntag Morgen in meine Hütte zu stürmen, ist mir unklar. Ich lag wegen der Hitze leicht bekleidet im Bett, aber ihn interessierte nur das Geld und als ich dann schnell nach einem Eurostück kramte und es ihm gab, stürmte er freudig aus der Hütte. Jetzt besteht unsere Freundschaft weiterhin darin, dass er mich nach Vokabeln fragt, wenn ich aus dem Dorfzentrum komme und er mich vom Hof aus sieht. Wir sind Freunde, betont er dann und listet mir seine Kenntnisse auf. Der Besuch in der Hütte hat sich glücklicherweise nicht wiederholt. Er hat ja jetzt 'nen Euro!

Der Sargdeckel im Kuhstall

Mihai hat mit seinem Aro schon etliche Totentransporte übernommen. Hier werden die Totern zuhause aufgebahrt und dann meist im offen Sarg vom Trauerhaus zum Friedhof entweder per Pferdefuhrwerk oder die modernere Variante, der Aro gefahren. Bei einer Beerdigung wurde er angefragt, ob er nicht noch den Sarg mit ins Grab lassen könnte. So packte Mihai kräftig mit an, aber das Gegenüber am anderen Strang war so alkoholisiert, dass es die Kontrolle verlor und den Strick losließ. So plumpste nicht nur der Hingeblichene abrupt in die Tiefe, auch Mihai verlor das Gleichgewicht und sauste kopfüber in die ins offene Grab. Beherzte Hinterbliebene packten ihn an den Beinen und verhinderten damit, dass er auf dem Sarg landete.

Weniger spektakulär verlief die Beerdingung der Urgrossmutter am Samstag. Man hatte ihr schon mehrmals den Tod vorausgesagt und das letzte Hemd gewaschen und gebügelt, welches sie zu Lebzeiten selbst hergestellt hatte. Jedoch bestätigten sich die Voraussagen nicht und das letzte Hemd wurde wieder weggepackt. Im Februar wetteten die Enkelinnen, dass sie noch bis Sommer durchhält und so war es denn auch. Sie hielt durch bis Donnerstag. So wurde sie nach dem Ableben  im Wohnzimmer ihrer Tochter aufgebahrt und fotografiert. Der Sargdeckel lehnte im Kuhstall und wurde am Vorabend vom Cousin beschriftet, nachdem der Priester die Hausandacht hielt. Bei 30 Grad im Schatten hatte man Mühe die Leiche zu kühlen und so wurde der Ventilator ins Zimmer gestellt. Trotzdem passte der Sargdeckel nicht mehr und man hätte Uroma zusammenquetschen müssen. So entschloss man sich die Unterlage zu entfernen. Uroma wurde hochgehievt und das Unterbett ausgedünnt. Um weitere Komplikationen zu vermeiden, wurde der Sarg geschlossen. Über 100 Bekannte und Verwandte erscheinen dann am Samstag im Hof, um sich zu verabschieden. Die Cousinen aus dem Nachbardörfern brachten gleich ihren Priester mit. So gab es 3 Beerdingungsreden, denn jeder musste zu Wort kommen. Alle gaben sich Mühe, die Herzen der Trauernden zu berühren. Doch erst so richtig tief berührt war die Trauergemeinde, als ein Bauer ein Lied über das Leben der Urgrossmutter vortrug. Das in Versen gereimte Schicksal erweichte selbst die hartgesottensten Männer, die sich sonst durch nichts erweichen ließen. Und auch der Dorfschmied brach in Tränen aus.    

All inklusiv Urlaub für Raucher!

Seit der Grenzübergang  zur Ukraine wieder geöffnet ist, hat ein reges Treiben eingesetzt. Frauen warten oft Stunden and er Grenze, um die billigeren Waren aus der Ukraine herüberzutransportieren. So kostet ein Paket Zigaretten 0,6 Lei (Neue Lei, Kurs: 1 Leu = 32,5 Euro). Marlboro und andere Marken kosten ca. 1,2 Lei. Das ist ca. die Hälfte vom hiesigen Preis. Ein Fahrrad kosten ca. 150 Lei. So werde ich mich auch aufmachen, mich demnächst als Handelsfrau zu betätigen. Aber mir kam schon noch eine bessere Idee. Sollten wir nicht ein spezielles touristisches Programm entwickeln für Raucher? Hier ganz entspannt einen preiswerten Raucherurlaub zu genießen - all inklusive mit ungebremsten Raucherkonsum?  Das gibt es ja noch nicht im Touristikgewerbe und könnte bei der laufenden Verbotskampagne in Deutschland, die sicherlich wieder das politische Sommerloch füllt, ein echter Renner werden.  Ich werde mich die Tage an eine Konzeption setzen.

10.6.2007

Wilder Osten 2007     Wilder Osten 2007

Wilder Osten 2007     Zigeunerwagen

Allein im wilden Osten (3)

Blind Date in der Wildnis

Reinhold hatte sich per Mail gemeldet und die Reservierung für  Ions Einsiedlercabana aufgegeben. Nun stand ich wie verabredet 17 Uhr am Setref-Pass um ihn in die Wildnis zu bringen.

Es zogen einige Wagen der Romas vorbei aber kein Biker. Reinhold kam pünktlich eine Stunde verspätet aus Ungarn an, denn nach westeuropäischer Zeit war es erst 17 Uhr. Ion hatte die Hütte schon am Morgen geputzt und versicherte, dass der Weg dahin befahrbar wäre. Ich hätte es besser wissen müssen, aber manchmal fällt Frau auch auf die Mentalität hier rein und so versackte Reinhold mit seiner schweren BMW nach einigen Metern im Schlamm und musste umkehren. Am Pass stellte er die Maschine bei Patru Barlea  zur Rundumbewachung ab und zur Sicherheit wurde noch der 100Jahre alte Pferdewagen davor gekarrt.

Ion hatte die Hütte sogar geheizt. Er ließ Reinhold die Bestellung von Lebensmitteln aufgeben und  verschwand, um diese gleich am Sonntag Abend auszuführen. Er kam mit den hiesigen Grundnahrungsmitteln an, nämlich 1 kg Speck, Schnaps und einige Zutaten wie Brot, Wein, Kartoffeln und Tomaten. Obwohl Reinhold keine Milch wollte, wurden 2  Liter frisch gezapfte Milch auf den Tisch gestellt, sowie ein Kilo Sahne. Ion hatte auch  einen Jungen aus der Nachbarschaft organisiert, der als Gepäckträger fungierte. In der Nähe der Cabana sind manche Bauern auf der Sommerweide, so auch der Knabe, der sich dann als Transporteur nützlich machte.

Reinhold wurde gleich in die Trinkgewohnheiten eingeführt und mit Maramurescher Volksweisen vertraut. Ion schmetterte Volkslieder durch die Nacht, dass die Waldkauze verstummten. Dann fiel im noch ein Witz bezüglich Wissenschaftler ein, mit dem er Reinholds Berufsstand hinterfragte. Es gelang ihm ohne Übersetzung das demonstrativ zu erklären.

Ein Arzt und ein Meteorologe rasteten in den Bergen. Der Arzt prophezeite, dass das üppige Essen den Kindern des Bauern nicht bekäme und der Meteorologe prophezeite, dass es keinen regen gäbe. Jedoch irrten sich beide. Am Morgen fragte der Meteorologe, woher der Bauer gewusst habe, dass es regnete. Der erwiderte, dass sein Schwein gesabbert hätte. Da stellte der Meteorologe fest, dass hier die Schweine klüger wären als die Wissenschaftler und flüchtet, weil ihm das unheimlich war.

Der Willkommenstrunk  zog sich bis um Mitternacht. Ion erhielt die Kopflampe, über die er sich köstlich amüsierte und geisterte durch die Dunkelheit zurück zum Pass, während Reinhold feststellte, dass das Sofa in der Hütte für ihn zu kurz war. Also packte er die dicke Schalwolldecke und seinen Schlafsack und machte es sich auf dem riesigen Heuboden im duftenden Heu gemütlich. Am Morgen gab es dann Kaffee am Pass und schon 10:30 Uhr fröhliche Musik mit dem Volkssänger Patru Barlea. So schön kann das Leben sein...

Hinweis für Biker

Über Risiken und Nebenwirkungen abenteuerlicher Fahrten.

Die Maramuresch ist über vier Pässe zu erreichen. Dabei ist der Prislop-Pass der höchste mit ca. 1400m und der Setref-Pass am Rodna-Gebirge der musikalischste, wenn man bei Patru Barlea Stopp macht. Von da aus ist auch Ions Einsiedler-Cabana zu erreichen.

Diese Hauptverkehrsstrassen sind für alle Maschinen befahrbar. Der Gutii-Pass ist mit seinen Serpentinen ein Genuss für den Freund von Kurven. Doch Vorsicht, denn auch hier kann plötzlich ein Pferdefuhrwerk auftauchen - unbeleuchtet! 

Der Huta-Pass gestaltet sich dagegen als Herausforderung, da der Straßenbelag stark beschädigt ist. 

Nebenstrassen können sich tückisch gestalten, da sie meist nicht gepflastert sind. Es ist nicht ratsam, sie mit schweren Maschinen zu befahren. Feldwege können für Geländemaschinen ebenfalls tückisch werden. Wer dennoch so ein Abenteuer sucht, sollte einen Einheimischen einladen mitzufahren, damit der Weg nicht in der Irre endet.

Tipp

Die Maramurescher sind ein sehr gastfreundliches Völkchen. Oftmals ist es eine Beleidigung, Freundlichkeiten mit Geld abzugelten. Daher sollte man sich entweder mit einer Einladung zum Essen oder mit einem kleinen Geschenk erkenntlich zeigen.

Das kommt sicher an: Kaffee aus Deutschland, Süßigkeiten für die Kinder, Wein oder Likör aus dem Dorfladen, aber auch Eis ist ein Genuss, den man sich nicht immer leisten kann. Für Fotofreunde: Immer ein kleines Büchlein bereithalten, indem man die Adressen schreibt, denn man möchte natürlich gern ein Bild haben.

Die Holzschule

Ileanas Eltern bewohnen mit im Altenteil den Hof, was sich nicht immer als einfach gestaltet. Während Vasile, Ileanas Vater immer wieder auf seine Qualifikationen hinweist, sobald ein Fremder auftaucht, kann Marie, seine Frau nicht auf diverse Bildungsabschlüsse hinweisen. Sie ist in den Bergen aufgewachsen wohin ein Hauslehrer  kam und im Holzschuppen Unterricht hielt. Wenn ihr die Diskussionen ihres Mannes Vasile über Hitler, Stalin und Honecker  auf dei Nerven gehen und sie ihn dazu drängt, die Gäste nicht zu belästigen, wird sie forsch zurückgewiesen, denn sie hätte ja nur eine Holzschule besucht. Vasile zeigt dann in Richtung Westen und sagt, dort sei Deutschland. Er selbst ist nur bis Timisoara gekommen und letztes Jahr nach Bukarest. Das fand er schrecklich, denn er hatte nicht das Geld für einen Restaurantbesuch und musste auf der Strasse seine Brote auspacken. Die angebotenen Sandwichs bekam er nicht herunter.

Die Holzschule existiert noch. Auch die alte Landkarte von Rumänien ist noch da und die Teile des Webstuhls, mit welchem Großmutter noch ihre Kleidung selbst hergestellt hat. Das Haus ist verwaist, nur ab und an kommen die Verwandten, wenn sie das Grundstück bewirtschaften. Es führt keine befahrbare Strasse dahin, nur ein Pferdefuhrwerk bewältigt die Strecke. Nebenan im Grundstück wohnt noch ein älteres Ehepaar. Sie bewirtschaften die Felder ringsum. Strom gibt es nicht. Sie leben fast autonom. Aber immer mehr Bergbewohner verlassen die Häuser und ziehen ins Dorf, wo das Leben leichter ist.

Die erste Heuernte im Gelände streckte sich über drei Tage hin. Wir entschieden uns nicht am Abend den weiten Weg zurück zu laufen, sondern blieben in den bergen. Ich machte es mir im Heuschober gemütlich. Herrliche Luft, Vogelgezwitscher bin in den Abend hinein und eine stille kühle Nacht. Unter mir raschelte etwas, worauf ich mein Lager etwas verschob. Ich musste gegen Morgen feststellen, dass der Untermieter eine Ratte war, die sich gegen Morgen kurz zeigte. Ich jagte sie davon, denn es gibt besseres als mit Ratten zu nächtigen.   

Wir versaufen ein Fahrrad

Die heißen Tage lassen wir, Ileana und ich, meist mit einem kühlen Bier ausklingen. Es gibt hier die praktischen 2 Liter Plastikflaschen und weil wir sehr durstig sind, trinken wie dann fröhlich die Plastikflasche leer. Ileana war erst sehr skeptisch, da sie wegen ihres starken Rheumas Medikamente nahm. Inzwischen hat sich die Skepsis gelegt, denn sie stellte schnell fest, dass sie sich am Morgen besser fühlte. Diesen Effekt hatten alle bisherigen Medikamente nicht bewirkt. Nun rechnete Ileana aus, dass die Summe der bisher verbrauchten Flaschen im Preis zusammengerechnet ein Fahrrad aus der Ukraine ergeben hätten. 5 Lei eine Flasche mal 30 Tage sind  150 Lei das ist genau der Preis für ein Fahrrad in der Ukraine...

Wunder gibt es immer wieder - Das Solebad

In Ocna Sugatag, südlich von Sighetu Maramtiei, befindet sich ein heilsamer Salzsee gegen sämtliche Leiden. Selbst von Bukarest reisen Heilungswillige an. Bisher habe ich es vermieden in die bräunliche Brühe zu steigen, aber man empfahl mir eine 10 Tages-Kur. So überwand ich mich und probierte ein Bad. Es dauerte eine Weile, bis ich mich damit arrangierte, dass das Wasser trägt und man nach und nach weiß wird. Neben dem Aspekt der Gesundheit ist das Freibad insofern interessant, weil es den sozialistischen Charme der 60iger noch bewahrt hat. Es fehlt lediglich das Monument des Diktators. Nur die Toiletten sind neu und nach westlichem Standard, aber ohne Toilettenpapier und wahrscheinlich werden sie nur am Morgen geputzt. Im Freibadrestaurant, genannte Pizzeria, gibt es Fleischröllchen und Pommes, Getränke und gesalzenes Gebaeck, aber keine Pizza. Die Eisdiele ist geschlossen und zum Abspülen der Salzlage existiert eine eiskalte Dusche. 

Man hat den Einrittspreis von 1 Leu auf 5 erhöht, wahrscheinlich wegen der neuen Toilettenanlage ohne Klopapier.  Immerhin noch recht preiswert bei umgerechnet 1,54 Euro im nostalgischen Flair!  

Der alte Salzsee war noch vor zwei Jahren frei zugänglich und umgeben von Abfallbergen der Camper aus Nah und Fern. Jetzt ist er nur noch mit dem Tretboot befahrbar und die Camper mussten weichen. In der Nähe befinden sich zwei kleinere Freibäder. So hat man dem wilden Treiben ein Ende gesetzt und See und Strand bleiben sauber. Im Ort schießen Pensionen wie Pilze aus dem Boden. Man erwartet das große Geschäft rund um das heilşame Wasser. Noch ist es Ende Juni ziemlich leer. Wer Komfort sucht, kann ihn bekommen, zumindest was die Unterkunft anbelangt. 

Ich halte nicht viel von solchen Wunderheilbädern aber schon nach drei Tagen in der Salzlake bin ich fit für die anstrengende Heuernte und während ich noch vor der Abreise mich 200 m mit Schmerzen schleppte, lege ich jetzt 6 km zu Fuß locker hin.

Nun bin ich mir nicht sicher, ob die Wirkung vom Wasser herrührt oder vom nostalgischen Flair. Für nur 15,40 Euro eine 10-Tageskur mit diesem Resultat + das grenzt an Wunder!

Nicht weit vom Wunderbad gibt es auch ein Naturphänomen. Ein Stück Strasse, auf der das Regenwasser bergauf läuft. Nein, das ist kein Irrtum. Kaum zu glauben, aber wahr. Ich habe mich selbst davon überzeugt. 

Infos zum Solebad Ocna Sugatag unter Karpatenwilli.com

Preiswerte Unterkünfte bei Bauern, in kleinen Hütten und für Camper, Biker und Neugierige, die das Dorfleben miterleben möchten vermittle ich gerne! Kontakt: Christa.Schudeja@gmx.de

Hoffnung auf Zukunft

Das orthodoxe Nonnenkloster Barsana ist ein wichtiger religiöser Ort in der Maramuresch. An besonderen Feiertagen pilgern die Bauern aus der Umgebung dahin. Die Tradition wird von Generation zu Generation weiter gegeben. Man bittet die Heiligen des Tages um Hilfe für diverse Sorgen des Alltags. Auch lassen sich Priester dafür bezahlen, Gebete zu übernehmen.  Und es werden zu den hohen Feiertagen die besten Kleider angezogen. So erscheint Groß und Klein vorwiegend in traditioneller Tracht. Auch die Jugend trägt sie. Solange die Trachten nicht im Museum verschwinden, ist Hoffnung, dass das kleine Bauernvolk auch andere Traditionen bewahren wird.

Nebeneffekt solcher Feste sind die anreisenden bettelnden Roma. Sie erscheinen pünktlich zum Fest und positionieren sich an die frequentierten Wege, um ihre Leiden zu zeigen - Verstümmelungen und Wunden. Aber auch Kinder, die man vorher betäubt hat, sollen Erbarmen hervorrufen. Es fällt tatsächlich schwer, daran vorbeizugehen. Am anschließenden kostenlosen Festmahl nehmen sie nicht teil. Sie wollen Geld. Mit dem Ende des Festes verschwinden sie, um beim nächsten Fest wieder aufzutauchen.

BMW im Izatal     Holzschule

Heu     Folklore-Tanz

Ocna Sugatag     Friedhof

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