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Texte: Erfragter Erfüllungsort Rumänien

Erfragter Erfüllungsort Rumänien - Ein polemisches Mosaik

von Sebastian aus München

Anfang

Spricht ein Westler über Rumänien, das Land zwischen Okzident und Orient scheitert er mit dem ersten Wort das er versucht aufs Blatt zu krampfen, begibt sich außerdem in die Gefahr einer ungesicherten Schusslinie. Entweder er ist naiv, weltfremd, überheblich, begeht Bauchpinselei um seine eigene Überlegenheit dezent herauszustreichen oder verleugnet seine eigene Herkunft um sich anzubiedern. Würde er sich nicht in einer dieser Fallschnüre verfangen käme er nicht aus dem Westen sondern wäre von dort. Und doch ist es mir das größte Vergnügen über die Fremdheit dieses Landes zu sinnieren.

Abkehr von Westfalen

Die Flurbereinigung erhöhte die Effizienz, die Neubausiedlungen verwischten den Dorfrand, der Discounter rief die Landfrauen zum Protest auf, der protestantische Pfarrer bot das Du an und säkularisierte den Gottesdienst, einer der letzten Bauern verbitterte über die mangelnde Wertschätzung seiner Kunden, der Vater flasterte die letzten verwahrlosten Ecken auf dem stillgelegten Bauernhof und modernisierte den Schuppen. Jeder Verlust war existenziell und ihn nahm ich stellvertretend für ein großes Verschwinden. Ich hatte eine Ahnung von sich verlierender Tiefe. Steriler wurde es, gepflegter, ohne Leben, weniger zufällig Passiertes. Das Nachbarschaftsfest das seinen Sinn verlor, weil jeder alles hatte und Zwischenmenschlichkeit unbezahlbar wurde. Diese Mängel nahm ich war. Das Kalkulierte, das Wort Arbeit und der damit verbundene Ethos machten das Weggehen notwendig. "Rückständigkeit" zog mich an. "Nach Osten" war die Idee, der erfragte Erfüllungsort Rumänien. Alles nichts Neues, war halt ein sentimentaler Westeuropäer.

Erfragter Erfüllungsort

Unterbewusst war mir klar das Osteuropäer Menschen zweiter Klasse sind, obwohl ich nicht genau wusste woher das negative Urteil kam, so war es doch prägend. Auch ich fühlte mich überlegen. Schon allein wie das roch und aussah. Osteuropa!! Dort gab es kein Waschmittel, keine langen Haare an Männern und die Frauen wussten sich nicht zu kleiden - überbetonten alles, besonders den Lippenstift. Grau und alle gleich. "Man muss importieren", dachte ich, "beim Waschmittel angefangen".
"Dort kannst Du noch Abenteuer erleben" sagt mir dann einer. Er selber war dort unterwegs und seine Erzählungen faszinierten mich. So wurde ich aufmerksam auf die spannende "Rückständigkeit".

Wohltäter auf Reisen

Der Weg in das Donau-Karpaten-Land ist verbaut durch Klischees und Vorurteile und durch den Nachteil, dass es sich schlechter beschreiben lässt. Wesentlich schlechter jedenfalls als die Teile einer Konstruktion. (Räuspern!!!)
Hat man dann doch den Schritt dort hingewagt, tut man als Okzidentler allein durch seine Anwesenheit ein gutes Werk. Ist man auch ohne Hilfstransport ein mobiles humanitäres Einsatzkommando. Weil man bereit ist deren Sprache zu lernen. Ein Wohltäter auf Reisen, der gebannt ist vom Mangel am Materiellen, die Armut genießt weil er sie nicht kennt. Der das Chaos aufregend findet, weil er dachte es würde sich auf sein eigenes Jugendzimmer beschränken. Meiner Meinung nach gibt es dann zwei Möglichkeiten diesem Land zu begegnen: entweder man ist so indoktriniert und erklärt sich zum Missionar der freiheitlichen Lebensauffassung oder man bekundet innerliche Bereitschaft sich der hiesigen Sphäre verstandesgemäß zu nähern. Obwohl das Zweite offensichtlich zu bevorzugen ist scheitert es an dem Verstandesgemäßen, weil da doch die alten Maststäbe zählen.
Rumänien war für mich das geheiligte Land. Zum ersten Mal auf der anderen Seite küsste ich den Boden als Geste der Huldigung.

Rumänermutter

Sie trägt ein schmutziges Kleid, eine Kombination aus Tracht und Einheitsschnitt. Seit der Lüge von Revolution hat sie es nicht gewechselt. Heute wie damals prostituiert sie sich, lässt sich versklaven und entstellen. In ihrem Gesicht mit den falschen Augen spannt sich der von ihren Freiern unberührte Teint, hohe Wangenknochen und ein schmales Profil, Sie hat sich verkaufen lassen, alle wissen es und schweigen. Ein Land voll von Verätern an die eigene Mutter, wie konntet ihr nur, geprügelte und halb verhungerte Babaren, das Kostbarste und Schönste aus eurem Schatz weggeben so als ob es nicht das Heiligste wäre was Ihr verlöret. Seele im Exil. Irgendwo den Dreck in Staub zertretend - zwischen zwei Gewächshäusern für Tomaten in Spanien. Irgendwo in Deutschland, zwischen zwei Blicken am Frühstückstisch fällt ihr Glaube an sich in Jakobs Kröhnung. Ihr Stolz wie eine austrocknende und dann verfliegende Sandburg. Wenn mich jemand fragt, warum ich sie adoptiert habe, sage ich meistens: wegen ihrer seelentiefen Augen. Meine Rumänermutter ist anders als die Leute denken, die sehen nur das Kleid - welches sie beginnt mit Stolz zu tragen. Ich hofiere meine adoptiert Mutter, helfe ihr in den Mantel und öffne ihr die Tür vom Lift. Wenn ich meine Mutter in ein Gespräch verwickele, wacht sie auf. Sie weiß dann alles, ist gewarnt und lässt mich nie ohne eine neue Erkenntnis gehen. Ihre ganze Art ist so herzlich und aufrecht, dass ich mein Herz fühle.

Seele im Exil

Heute wie damals prostituiert sie sich, lässt sich versklaven und entstellen. In ihrem Gesicht mit den falschen Augen spannt sich der von ihren Freiern unberührte Teint, hohe Wangenknochen und ein schmales Profil, Sie hat sich verkaufen lassen, alle wissen es und schweigen. Ein Land voll von Verätern an die eigene Mutter, wie konntet ihr nur, geprügelte und halb verhungerte Babaren, das Kostbarste und Schönste aus eurem Schatz weggeben so als ob es nicht das Heiligste wäre was Ihr verlöret. Seele im Exil. Irgendwo den Dreck in Staub zertretend - zwischen zwei Gewächshäusern für Tomaten in Spanien. Irgendwo in Deutschland, zwischen zwei Blicken am Frühstückstisch fällt ihr Glaube an sich in Jakobs Kröhnung. Ihr Stolz wie eine austrocknende und dann verfliegende Sandburg.

Kloster

In Schwaden hängt Rauch im Tal, auf frei gespülten Kiesbetten suche ich mir meinen Weg, schlängele mich durch Auen. Ich nähere mich der verstreuten Siedlung. Schlammige Strasse mit überfluteten Teilen. Links und rechts des Weges eine andere Welt: kleine Hütten und Häuser, am Rande picken Gänse und Puten Gras. Es sind Holzfäller und Bauern die hier wohnen, nun weiß ich, dass es die Welt die ich suchte noch gibt.
Als ich wieder am Hort bin lehne ich mich an dessen hölzerne Balustrade. Schräg blendet mich die Sonne, rotbraunes Buchenlaub schwimmt in Pfützen, langsam pendelt der Schwanz der Kuh, bedachte Schritte, ein Mann geht vorbei. Aus dem Tal kräht ein Hahn, der hinabrauschende Fluss macht den Rücken. Silberdistelsamen fliegen vorbei, eine letzte Grille im Abseits, ansonsten ist hier Stille.
Auf einem abendlichen Spaziergang zeigt mir Vater Prina die Kirche und das Klosterareal. Er erzählt von seiner Liebe zu Gott und dem Bestreben seiner mildtätigen Wärme näher zu kommen. Bis dorthin, sagt er, bestreite er den direkten Kampf mit dem Teufel: Er schleicht sich ein und trickst, ist einmal auf dieser Seite dann auf der Anderen, er spricht zu und höhnt, treibt Dich, wenn Du ihn nicht erkennst dorthin wo er es will. Deshalb lebe er in Askese, schläft jede Nacht nur drei Stunden, isst wenig, betet, und liest Psalme und Evangelien, sagt: "Vater, Sohn, Heiliger Geist beschütze mich".

Auf der Strasse frage ich eine Frau nach ihrer Meinung

"Sie nennen uns rückständig weil wir eine Art von menschlichem Umgang haben die Ihnen abgegangen ist. Ohne dass wir darüber reden ist Gastfreundschaft für uns überlebenswichtig, weil es ein gesellschaftliches Modell ist, welches funktioniert. Ihr Modell hingegen funktioniert nicht bei uns, es hat nicht die Voraussetzungen wie bei Ihnen, es wird oberflächlich. Wir wissen, dass wir den Oberen nicht trauen. Sie dagegen haben die fixe Idee dass es auch anders geht. Die, die hier herkommen um uns das Europa der Vielfalt schmackhaft zu machen sind doch dafür bezahlt, es ist halt ihr Job. Wir sind aber doch nicht naiv. Wir wissen wo sich unser Land geografisch befindet. Wir wissen, dass keiner hier her kommt ohne ein machtpolitisches Interesse zu haben. Wir haben versucht aus der Vergangenheit zu lernen. Jetzt begeistern wir uns nur sehr widerwillig für eine neue Idee, zu viele wurden an uns ausprobiert. Mit Euphorie können wir nicht umgehen sie macht uns taumelnd und blind. Meiner Meinung nach sollte unser Verhältnis zu Europa nicht länger emotional sein, besser rational."
"Und Ihre Europäische Identität?"
Einen banaleren Frager wissen Sie wohl nicht. Seien Sie ehrlich, sie warten doch nur darauf, dass ich Ihre Favoriten nenne. Nein, ich nenne Spiritualität. Welche Ihnen verloren ging, obwohl sie zutiefst europäisch ist. Wir sind abergläubisch, finden gerne eine Sinn gebende Erklären, wir rücken uns gerne die Dinge hin, reden uns die Dinge schön, lassen auch etwas weg, wenn es der Freude stört. Werft ihr uns das vor? Sagt ihr, wir sind rückständig, weil bei uns wieder Kirchen gebaut werden und die Leute bis auf die Strasse stehen wenn Gottesdienst ist? Wollen Sie ihre CVJM-Fahrtenlieder mit unseren byzantinischen Mönchsgesängen vergleichen? Wollt ihr von Freiheit und Selbstverantwortung sprechen wenn euer Mund aufgeht und eine Sprechblase zerplatzt????
Sehen Sie wie verschieden wir sind? Wissen Sie eigentlich das wir von Ihnen enttäuscht sind, dass wie uns wie in einem schlechten Film fühlen. Durch Ihre Literatur haben wir uns ein Bild von Ihrer Kultur gemacht. Durch Ihre ausgefeilte Darstellungsgabe einen Wunsch beizeiten entzündet. Und jetzt sehen wir, dass die Träume nur in der Fiktion bestehen bleiben, Ihre Realität einfach nur dumpf, wabernd und langweilig ist, man mit Ihnen nicht diskutieren kann weil Sie sich nicht provozieren lassen. Jetzt hadere ich mit allen meinen Worten, weil ich nicht genau weiß, was Sie von mir wollen. Wir versuchen uns unsere Art zu bewahren, unseren Humor, der so einzigartig ist, weil er authentisches ist, einer diskriminierenden Wirklichkeit entsprungen."

Rede eines Rumänen an uns

"Wir sind uns so verschieden. Müssen jetzt zusammen, weil es die Umstände verlangen. Deutsche und Rumänen (als Beispiel), jeder auf seine eigene Art krank und gesund. Hier schrecken wir uns vor dem Kalkulierten, der kalten Rationalität, die wir nicht so gut kennen, weil sie uns nicht eigen ist. Wir sind impulsiv und spontan. Euch schreckt das Ungeordnete, das Planlose, Zulassende, es macht Euch Angst, weil es Euch nicht eigen ist. Manchmal denken wir, dass Ihr uns übertölpelt, wenn wir gerade nicht aufpassen, raubt Ihr uns das Verbliebene. Wir haben Angst vor Euch und bewundern Euch. Hier darf man glauben, Dinge bleiben heilig. Bei Euch hat alles ein Fragezeichen, nichts ist heilig, nichts woran ihr glaubt, als unerfüllbare Ideale. Die Deutschen sind diszipliniert, ein Mann ein Wort, wenn die was anpacken, dann bringen die es auch zu Ende. Wir dagegen sind rückständig, gläubig und abergläubig, wir mögen Legenden, fühlen uns dem Mystischen, rational nicht erklärbaren hingezogen. Für uns ist der nächste Tag der Nächste, weil wir uns fragen was wir essen und weil wir Angst bekommen, wenn wir zu weit in die Zukunft schauen. Ihr habt die Nachhaltigkeit erfunden und Selbstverantwortung. Gerne wären wir so wie ihr. Wir sind daran gewöhnt jemand über uns zu haben, der laut spricht und dem keiner zuhört, nur das wir ausbaden müssen was er sagt. Wir haben uns damit abgefunden. Können uns schwer an die Idee gewöhnen, dass es auch anders geht. In unserer Armut sind wir stolz und leicht angreifbar, ihr habt die besseren Argumente, sie sind griffig und ausformulierbar. Doch etwas, was wir nicht gut ausdrücken können hält uns zurück. Ihr sprecht von Werten und sehen sie gerade bei Euch schwinden. Wir kämpfen mit unfairen Waffen. Ihr setzt voraus, dass wir Euch zuhören, dabei habt Ihr noch nicht begriffen, dass ihr die Ohren spitzen müsst um auch von uns zu hören. Wir möchten nicht polemisch sein, genauso gut wie Ihr es bestimmt auch nicht sein wollt. Doch manchmal packt uns die Wut und auch wir verallgemeinern. Wir sind wie zwei Brüder mit gleicher Mutter. Nur sind wir verschiedentlich aufgewachsen. Andere Einflüsse, andere Schulen die wir besuchten. Jetzt sind wir uns so fern, dass wir uns kaum wieder erkennen. Wir halten es eigentlich gar nicht aus mit Euch, manchmal seid ihr so arrogant, dass wir speien könnten. Doch irgendwer sagt wir müssten uns vertragen, miteinander sprechen, einen gemeinsamen Weg finden, ganz Verrückte fordern sogar, dass wir von einander lernen sollen. Aber wie soll das denn funktionieren fragen wir uns, wenn Ihr uns nicht anhört. Es wird schon wieder polemisch, vielleicht sollten wir uns auf das Gemeinsame besinnen und den Verrückten glauben schenken. Wir sind krank und ihr seid krank. Sollten wir das doch erst einmal einsehen. Wie schön wenn wir uns wieder fänden, wir hätten soviel zu erzählen."

Ein sich Rechtfertigender

"Die Orthodoxie erscheint Ihnen fremd, gar exotisch. Aber sehen sie denn nicht die enge Verbindung zu unserem gemeinsamen europäischen Wurzelwerk, der Antike. Die Erinnerungen daran, meine ich behaupten zu können, sind hier wesentlich wacher und unverfälschter. Unsere Kirche hat eine enge Bindung zur Griechisch-Orthodoxen Kirche. Und auch die Osmanenherrscher übernahmen zu einem gewissen Teil das Substrat der byzantinischen Kultur. Liegt dann der Gedanke so fern, dass sich bei uns Dinge bewarten haben die bei Ihnen nur noch geringe Bedeutung haben? Manche Orthodoxe Christen nennen Martin Luther einen Häretiker, mit ihm sei alles Übel angefangen. Er hätte den Kapitalismus ermöglicht. Während wir Rumänen gegen die Türken kämpften und diese das Land verwüsteten, hatte Westeuropa Zeit sich zu entwickeln. Ist dies den mit einkalkuliert, wenn sich jetzt Westeuropäer aufspielen und wir ihnen gnädig sein müssen wenn sie uns in die EU aufnehmen? Mit der Konzession, dass Sie uns belehren.? Wir haben keine Inquisition angezettelt, keine Kreuzzüge veranstaltet. Bei uns haben die Minderheiten die meiste Zeit friedlich zusammengelebt. Wird das denn alles vergessen? Müssen wir uns mit anschauen wie ihr uns belehren kommt. Sollen wir von Euch die Lösungen für unsere Probleme erwarten? Wollt ihr uns in dieselbe Richtung führen, die selbe Richtung die Euch mit Höchstgeschwindigkeit in den Abgrund treibt?
Sind wir das verspätete Europa, das sich darüber definiert welche Entwicklungen hier mit wie viel zeitlicher Verspätung angekommen sind?
Die Aufklärung kritisierte die überstaatliche Form der Orthodoxie, hielt uns vor keine Bibelkritik zu praktizieren und deistische Tendenzen zu hemmen. Eine Industrialisierung gab es in dem Sinne bei uns gar nicht. Bis 1945 waren ¾ der Bevölkerung SOE Bauern. Ihr Wirtschaftsverhalten war frei von kapitalistischem Erwerbsdenken, der Arbeitsaufwand richtete sich nach dem Maß der Bedürfnisbefriedigung und den Normen der sozialen Umgebung. Und auch die Modernisierung fand in SOE nur oberflächlich und enklavenhaft statt. Schuld waren und sind zählebige traditionell-mentale Strukturen. Der von oben induzierte Prozess überstrapazierte unsere gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit. Dies führte letztendlich zu einem komplizierten Nebeneinander von Moderne und Tradition. Das Bestehen bleiben vormoderner Differenzen, deutet auf eine Langlebigkeit struktureller Weichenstellungen in unterschiedliche Kultur- und Zivilisationspfade hin.
Also muss es das andere Europa geben. Dies anzuerkennen macht den gegenseitigen Dialog entspannter und verhinderte eine übereilte Brüderlichkeit auf falschen Voraussetzungen. Die Anerkennung des Unterschieds ist meiner Meinung nach eine wichtige Notwendigkeit für die so genannte Europäische Einigung. Eine westliche Arroganz ist da ganz fehl am Platz. Vielmehr besteht die Möglichkeit von uns versprengten Verwandten etwas über unsere gemeinsamen spirituellen Wurzeln zu erfahren."

Hagel statt Geldregen

In der Theorie existiert der zweite europäische Weg. Gemeint ist der byzantinisch-orthodoxe Sonderweg und die osmanischen Fremderrscher. Das Aufdecken dieser Alternative und die Frage nach ihrem Wesen ist verbaut durch sich aufschaukelnde Polemiken - ein verzehrtes Bild. Durch Europa läuft eine unsichtbare Linie, zwischen arm und reich, zwischen ostkirchlich und westkirchlich.
Die Rumänen sagen, sie seien zu gutmütig um kapitalistisch zu sein. Im ganzen Land ist ein Ruf nach mehr Professionalität und einem weniger emotionalen Verhältnis zu Europa zu hören. "Wir haben keine Wahl, es gibt keine andere Möglichkeit als auch Mitglied zu werden," sagen sich die Leute. Sie beginnen ihr mulmiges Gefühl zu artikulieren. Du bist Pragmatiker, kühl im Denken, wenn Du die Vorteile aufzählst. Die Menschen beginnen sich dumpf, der katastrophalen Umstände wegen, ihrem nahenden Schicksal hinzugeben.
Dunkle Wolken am Horizont die die Neuerungen ankündigen. Eine Flucht zurück ist nicht möglich, höchstens gedanklich, in Erinnerung an bessere Zeiten. Fortschritte machen diejenigen die sich ihn leisten können. Die große Mehrheit möchte zumindest auf der Stelle treten und muss doch, vom Lauf der Zeit gezwungen, zugestandene Schritte in Richtung auf die Wolkenwand tun. In dem großen Gedränge ist die Panik groß, Dinge an die es sich festhalten lässt sind gesucht. Verzweiflung steht den Menschen im Gesicht geschrieben. Eine Stimmung wie vor einer nicht abwendbaren, feindlichen Übernahme. Die allerdings keine wäre, könnten sie sich artikulieren und eine angehörte Stimme jenseits der dunklen Wetterfront hervorbringen. Die Zeit für ruhige Überlegungen ist vorbei, schnelle Lösungen verlangt die Stunde. Die Masse mit der Ratlosigkeit im Herzen entscheidet sich für zwei Strategien: Ablehnung oder übertriebene Annahme des Neuen. Die eine, verbunden mit Rückbesinnung und Überbetonung der eigenen Identität, die andere, akzeptiert und adaptiert die neue Zeit mit einem nur noch profanen Kontakt zur Vergangenheit.
Aus den Wolken wird es hageln, dick und eisig, das Land wird sich verdunkeln, alles was nicht gut befestigt ist wird fliegen. Lächerlich und bemitleidenswert der Versuch das eigene zu wahren. Wer Geld hat kann sich helfen, wer nicht, wird Blau geschlagen von der niederhagelnden Zeit. Fell oder Zwiebelhaut.

Zulassen (Constanta)

Ödlandflächen zwischen den Blockbauten
Bauschutt und blühendes, Frucht ansetzendes Unkraut
der Blick aufs Meer
Bauarbeiter in gelben Ölanzügen, auf staubigen Fußwegen hindurch
die Zitzen der Hundemutter hängen ihr dick angeschwollen vom Bauch
hingeworfene Betonelemente mit Eisenharken
weiße Blockneubauten
der nur eine Farbe kennende Himmel und das etwas dunklere Meer
kleine Spinne die mir den Hals hoch kriecht, zerdrückt ist sie wie geplatzter Kuli
leichte Baugeräusche
segelnde Möwen bei den anderen Blocks am Meer.

der Blick aufs Meer aus dem vierten Stock dieses Hauses, direkt nach Osten
für den Sonnenaufgang gut
für die Tanker welche sich an der Kante des Horizonts vorbei schieben gut
gut für sich vorstellen was da hinter kommt
sich in zehn Jahren Tradition eines Morgenblicks nach Osten
die Weite des Schwarzen Meeres einbilden können,
welches die Farben der georgischen Küste sind
welchen Sound Istanbul hat und welche Gerüche die Krimhalbinsel trägt

die hohe Sonne blendet im Sinne von Augenlicht verlieren,
sie verbrennt das Meer im Ganzen
weiße Funken
siedendes Wasser
dann verschwindet die Horizontlinie
Meer geht in Sonne über weil es eine Farbe ist

Geräusche, wie wenn Schritte sich auf, durch Blockbausiedlungen führende, Staubwege setzen
die Möwe hat ein Geräusch wie eine Frau beim Orgasmus
sie ist artistisch und elegant, sentimental und kess

(In Momenten wie diesen wird das umgebend Passierende äußerlich empfunden, es verliert ganz an Präsenz, wird zum Rahmen eigener Projektionen. Die vom Alltag verbaute stille Astethik wird sichtbar.)

Abschluss

Jetzt importiert sich hier Westeuropa, ich sehe es an allen Ecken. Es glänzt und wird groß geschrieben, doch schlimm ist, wie es sich schnell verbraucht. Das Land wird durchgenommen, so wie ein Malocher der sich am Abend seinen Schweiß nicht abduscht und morgens noch über die Olle muss. Grad hat es angefangen und der Verschleiß ist schon zu sehen. Die, die versuchen das Positive darin zu sehen, halten sich in einer vagen Hoffnung guter Absichten. Rumänien ist eine sich hingebende, leidenschaftliche aber sich leider prostituierende Schöne. Jeder der hier her kommt, merkt das Animalische in sich hochkommen. Die Freizügigkeit, das Ungebändigte, das Schreien, der Lärm, das Kuriose, Ungeordnete, das Regellose, Willkürliche, Form- und Biegbare. Wenn Rumänien eine Prostituierte ist, dann sind ihre Gesichtszüge falsch und verführerisch, ihre Augen aber unschuldig, von tiefer Liebe, ihr Körper schlank und erotisch.

Vielleicht bleibt Europa immer Westeuropa und Osteuropa ein Abglanz dessen. Die Situation ist absurd. Noch laufen die Maschinen und geraten doch schon ins stocken, da hat Europa noch eine letzte große Aufgabe vor sich.

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