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Texte: Kühl, distant, perfektionistisch

Kühl, distant, perfektionistisch

von Bettina Haase

"Bei euch ist alles sauber und ordentlich", meinte er "aber ihr habt keinen Spaß!" Er, dessen Namen ich vergessen habe, aber gleich wie er heißen mag, so steht er für viele, die mir bisher begegnet sind.
Ich lebte gerade mal zwei Monate in Rumänien, als ich so gänzlich unerwartet mit den Ansichten über Deutschland konfrontiert wurde. Der Versuch mich erklären zu wollen, der Wille meine Landsleute aus der hölzernen Schublade deutscher Pünktlichkeit und Ordnung zu entziehen, scheiterte ob fehlender Sprachkenntnisse. Was nutzte da noch mein quietschgelbes Wörterbuch, dass zwar 30.000 Stichwörter und Redewendungen der rumänischen Sprache enthält, jedoch keine Definition für deutsch.

Sollte das Bild der Deutschen tatsächlich nur die grauen Umrisse pünktlicher fleißiger Zwerge ergeben? Nun, ein gutes Maß preußischer Erziehung hinterließ Spuren und möglich, dass die Folgen von Zuckerbrot und Peitsche Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit sind.
Gewiss fehlt es uns auch nicht an Kühle und Distanz, geschweige denn der Fähigkeit Emotionen zu zeigen. Während der Südländer liebt wie ein Don Juan und hasst wie Medea, gibt sich der Deutsche reserviert und ist noch Jahre später gekränkt. Was das Feiern betrifft, so tun wir Deutschen uns etwas schwer damit. Erst nach zunehmender Wirkung von Gerstensaft ist ein regeres Treiben auf der Tanzfläche zu beobachten und später dann erste waghalsige Versuche dem anderen Geschlecht näher zu kommen. Bis allerdings Mann Frau zum Tanze bittet, ist schon das letzte Liede gespielt und es bedarf noch mindestens drei weiterer Abende bis es tatsächlich konkret wird.

Nur schade, wenn das alles wäre, was man hierzulande von uns weiß. In Rumänien geht man als Frau einmal die Straße runter und wird sogleich von funkelnden Augen angestarrt und nach dem dritten "Ceau" zum Kaffee eingeladen, wo einem auch gleich gesagt wird, dass man den schönsten Namen der Welt trägt und auch sonst nicht ganz hässlich ist. Es werden Telefonnummern ausgetauscht, die nie gewählt werden, weil das Wesentliche noch am selben Abend erledigt wird.

Aber es ging ja um die Deutschen, einem Volk mit zähhaftendem Etikett, dass ich weder lösen noch verteidigen will, sondern viel mehr erweitern. Erweitern um ein paar Zusätze, die hier oft vergessen oder gar nicht bekannt sind.

Da in unsereren Flüssen weder Milch noch Honig fließen, sind wir nach wie vor auf die Produktivität von Kuh und Biene angewiesen. Unser Brot essen wir gern schwarz, aber das Bier lieben wir hell. Da wir näher am Nordpol wohnen sind wir von Haus aus kühler und brauchen deswegen etwas mehr Zeit um in Stimmung zu kommen. Meine Eltern sind noch nie pünktlich zu einem Termin erschienen und soweit ich weiß hat sich diese Eigenschaft auf mich übertragen, ganz zu schweigen von meinen drei Geschwistern, welche nicht minder im Konflikt mit der Uhr stehen.

In Deutschland gibt es auch noch Bauern, so richtig mit Mistgabel, Ackerbau und Schweinestall. Unser Hang zum Perfektionismus kostet uns einige Nerven, hat jedoch zur Folge das beispielsweise Häuser von längerer Beständigkeit sind.

Neben München und Stuttgart gibt es noch mindestens 100 weitere Städte, die schön anzuschaun sind. Um diese und ihre Bewohner kennenzulernen, würde ich euch gern in mein Land einladen. Sollten wir uns dort treffen, werde ich mich dieser Zeilen erinnern und in fehlerhaftem rumänisch von meiner Heimat erzählen.


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