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Der Rennkuckuck

Rennkuckuck - Die Rumänien-Seiten

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Events: Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage

(OT: 4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile)

Der in Cannes mit der "Goldenen Palme" preisgekrönte Film
von
Cristian Mungiu
mit
Anamaria Marinca
Laura Vasiliu
Vlad Ivanov

Rumänien 2007 - 113 Minuten

Kinostart: 22. November 2007

ORTKINO
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BESETZUNG

Anamaria MarincaOtilia
Laura VasiliuGăbiţa
Vlad IvanovDomnuʼ Bebe
Alex PotoceanAdi
Luminiţa GheorghiuDoamna Radu
Adi CarauleanuDl. Radu

STAB

Regie & DrehbuchCristian Mungiu
ProduktionOleg Mutu, Cristian Mungiu
Ausführende ProduzentinFlorentina Onea
KameraOleg Mutu
SchnittDana Bunescu
ProduktionsdesignMihaela Poenaru
KostümeDana Istrate
SoundTiti Fleancu, Dana Bunescu, Cristian Tarnoveţchi

KURZINHALT

Die Studentinnen Otilia und Gabiţa teilen ein Zimmer im Wohnheim einer kleinen Stadt in Rumänien. Das kommunistische Regime unter Ceauşescu liegt in den letzten Zügen. Der Alltag ist für die Menschen täglich eine neue Herausforderung, schon das Anmieten eines Zimmers in einem Hotel ein schwieriges Unterfangen. In einem Hotelzimmer erwarten die beiden Freundinnen einen gewissen Mr. Bebe. Gabiţa ist schwanger, Abtreibung in Rumänien illegal - und die jungen Frauen, die keine Ahnung haben, was in einer solchen Situation zu tun ist, schlittern in ein Fiasko.

PRESSENOTIZ

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist Teil eines größeren Projekts mit dem Titel "Tales from the Golden Age" - eine subjektive Bestandsaufnahme des Kommunismus in Rumänien, dargestellt anhand von Alltags-Geschichten aus dem städtischen Umfeld. Ziel des Projekts ist eine Reflexion über die Zeit der Diktatur, ohne direkte Referenz zum Kommunismus. Regisseur Cristian Mungiu geht es vielmehr darum, von menschlichen Optionen in einer Zeit des Unglücks zu erzählen, die für die Bevölkerung zwangsweise "normal" war.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist der erste Film der Serie.

Der erschütternde Film war 2007 nicht nur in Cannes, beim wichtigsten Filmfestival der Welt, DER Überraschungserfolg. Weltweit wurde er auf verschiedenen Festivals ausgezeichnet und nicht nur von der Kritik, sondern auch vom Publikum gefeiert. Dem grandiosen Spiel der jungen Darstellerinnen, denen die Kamera stets nah ist, ohne ihnen zu nahe zu treten, kann sich der Zuschauer nicht entziehen. Ein Film voll schmerzhafter Intensität, der sich ins Gedächtnis brennt - zu Recht der Gewinner der Goldenen Palme 2007. Zum ersten Mal in der 60-jährigen Geschichte des Festivals ging die Auszeichnung an einen rumänischen Regisseur.

Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist nicht nur für den Europäischen Filmpreis nominiert - wo auch immer der kompromisslose Film bisher startete, sorgte er auch für angeregte Diskussionen. In Frankreich und Italien gelang ihm der Einstieg in die Top 10, in Frankreich gelingt ihm bald auch der Einzug ins Klassenzimmer: Als ein Thema, das besonders für junge Leute brennend aktuell ist, soll er dort im Unterricht eingesetzt werden.

"Ein radikaler und elementarer Film über Vertrauen und Freundschaft, Verantwortung und Vergeblichkeit von Liebe." (Blickpunkt: Film)

INHALT

Rumänien 1987. Otilia (ANAMARIA MARINCA) und Gabiţa (LAURA VASILIU) teilen sich ein bescheidenes Zimmer im Studentenwohnheim einer tristen, grauen Stadt. Zigaretten, Seife, Kosmetik, überhaupt alle schönen Dinge des Lebens sind Mangelware, der Schwarzmarkt blüht. Die beiden Freundinnen haben einen schweren Tag vor sich. Gabiţa ist schwanger, hat den längst fälligen Abbruch viel zu lange hinausgezögert. Verunsichert und verängstigt verlässt sie sich ganz auf die Hilfe ihrer pragmatischen, zupackenden Freundin Otilia.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

Da Abtreibung im kommunistischen Rumänien unter strenger Strafe steht, muss der Vorgang wie eine Geheimoperation geplant werden. Mit dem Geld, das sie sich zusammengeliehen haben, bricht Otilia auf, um alles vorzubereiten. Doch schon der Anfang steht unter keinem guten Stern: Gabiţa hat telefonisch ein Zimmer reserviert, aber an der Rezeption wird Otilia abgewiesen. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sie in einem teureren Hotel einzumieten - dabei geht mehr als geplant von dem für den Engelmacher zurückgelegten Geld drauf.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

Auf der Straße trifft Otilia Mr. Bebe (VLAD IVANOV), den Mann, der die Abtreibung durchführen soll. Er ist sauer - Gabiţa hatte sich mit ihm verabredet, jetzt kommt eine andere, und in dem fremden Hotel muss er seinen Ausweis an der Rezeption hinterlegen. Er ist unverschämt und demütigt die jungen Frauen - aber die sind auf seine Hilfe angewiesen. Als er feststellt, dass Gabiţa bereits im vierten Monat ist, diktiert er ihnen eiskalt seine Bedingungen: er will Sex mit beiden, sonst lässt er sich nicht auf den Deal ein.

Gabiţa und Otilia sehen keinen Ausweg - und akzeptieren widerwillig.

Anschließend begibt sich der schmierige Familienvater an sein lukratives Geschäft. Der Eingriff wird ohne Narkose mit äußerst primitiven Mitteln durchgeführt - ein risikoreiches Unterfangen. Während Gabiţa still liegen muss und auf das Einsetzen einer Blutung wartet, macht sich Otilia auf zur Geburtstagsfeier bei den Eltern ihres Freundes Adi (ALEX POTOCEAN). Sie kommt zu spät, die Stimmung zwischen ihr und Adi ist angespannt, sie ist nicht in Feierlaune und fühlt sich in der bourgeoisen Atmosphäre des Akademikerhaushalts unwohl.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

Vergeblich versucht Otilia, ihre Freundin im Hotel anzurufen. Nach einem Streit mit Adi bricht sie überstürzt auf.

Gabiţa hat inzwischen eine Fehlgeburt erlitten. Die entsetzte Otilia muss versuchen, den Fötus loszuwerden, und Gabiţa verlangt, dass sie ihn beerdigt. Die junge Frau irrt durch die Nacht, einsam und verzweifelt. Sie wird das Problem auf ihre Art lösen, pragmatisch. Im Hotel wartet die erschöpfte Gabiţa im Restaurant, bringt aber keinen Bissen herunter. Der Schock sitzt den beiden Frauen tief in den Gliedern - mit dieser Entwicklung der Ereignisse hatten sie nicht gerechnet. "Lass uns nie mehr darüber reden", bittet Otilia ihre Freundin.

HNTERGRUND

Die Ära Ceauşescu (1965 bis 1989) ging als besonders düstere Zeit in die Geschichte Rumäniens ein. Der Diktator Nicolae Ceauşescu (* 26. Januar 1918 in Scorniceşti; † 25. Dezember 1989 in Târgovişte) und seine Frau Elena errichteten ein tyrannisches Regime, bei dem sie am Ende fast allein die Macht im Staat fest in Händen hielten. Brutalität und Menschenverachtung prägten die Ceauşescu-Diktatur, das Leben der Bevölkerung war von Armut, Elend und Angst geprägt.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

Aus kleinen Verhältnissen auf dem Land stammend, brachte eine Funktionärs-Karriere in der Kommunistischen Partei den gelernten Schuhmacher ins Amt des stellvertretenden Landwirtschaftsministers, dann des stellvertretenden Verteidigungsminister und Chef der Obersten Politischen Direktion der Volksarmee. 1955 wurde Ceauşescu ins Politbüro aufgenommen und zehn Jahre später zum Ersten Sekretär des ZK der PMR gewählt. Kurz darauf übernahm er zusätzlich das Amt des Vorsitzenden des Staatsrates. Ceauşescu distanzierte sich vom Kurs der Sowjetunion und näherte sich der sowjetfeindlichen Volksrepublik China an. Während des Prager Frühlings weigerte er sich, rumänische Truppen gegen die Aufständischen einzusetzen.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

1966 wurde ein Gesetz zur Förderung von Kinderreichtum und das Verbot auf Abtreibung erlassen - ein Sozialexperiment zur Förderung von Volk, Heimat und Nation. Erst im Frühling 1990 wurde international bekannt, dass die kommunistische Führung überall im Land Kinderheime für Behinderte und Kinder Not leidender Eltern eingerichtet hatte, die wegen ihrer menschenunwürdigen Bedingungen "Kinder-GULAGs" genannt wurden.

Auf einer Reise nach China und Nordkorea bewunderte Ceauşescu den dort praktizierten Personenkult und begann, ihn auf Rumänien zu übertragen.

Am 28. März 1974 übernahm er das Amt des rumänischen Präsidenten und forcierte den Aufbau einer stalinistischen, konsequent auf seine Person ausgerichteten Diktatur. Von Hofdichtern ließ er sich als "glorreiche Eiche aus Scorniceşti", "Sohn der Sonne" oder "Genie der Karpaten" feiern. Die Geheimpolizei Securitate schaltete Gegner und politische Opposition rigoros aus. Bukarest war mit einem System von Tunneln unterzogen, das der Securitate jederzeit Zugriff auf Oppositionelle ermöglichte. Wichtige Ämter ließ er mit Familienmitgliedern besetzen, besonders seine Frau Elena erlangte erheblichen Einfluss.

Als Michael Gorbatschow 1985 Generalsekretär der KPdSU wurde und Reformen einleitete, reagierte Ceauşescu mit Ablehnung.

In Rumänien führte die rücksichtslose Industrialisierung zum Niedergang der Wirtschaft und der Landwirtschaft: Die Arbeiter erhielten keine Löhne mehr, elektrischer Strom musste rationiert werden, die Lebensmittelversorgung brach zusammen. Um die Staatsschulden abzubauen, wurden fast alle Lebensmittel für den Export bestimmt.

1989 waren viele rumänische Unternehmen bankrott. In der verarmten Bevölkerung machte sich zunehmend Unmut breit, Ceauşescu geriet zunehmend unter Kritik. Vor allem das "Dorfzerstörungs-Programm", bei dem Dörfer zwangsweise zusammengelegt und in Industrie-Komplexe umgewandelt werden sollten, brachte die Menschen auf. Am 21. Dezember 1989 wurde Ceauşescu bei einer Rede ausgebuht, einen Tag später das Parteigebäude gestürmt. Ceauşescu und seine Frau wurden auf der Flucht von Soldaten der rumänischen Armee verhaftet. Am 25. Dezember wurden Nicolae und Elena Ceauşescu von einem Militärgericht im Schnellverfahren ohne rechtmäßigen Prozess zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde noch am selben Tag vollstreckt, drei Soldaten bildeten das Exekutionskommando.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

ANMERKUNGEN DES REGISSEURS

DIE GESCHICHTE

Grundlage des Drehbuchs ist eine dieser persönlichen Erfahrungen, die man normalerweise nicht mit anderen teilt. Etwas Unerwartetes geschah mit den Leuten, die mit meiner Geschichte in Berührung kamen: Hatten sie sie erst einmal gehört, hatte jeder eine ähnliche zu erzählen. Plötzlich hatte jeder etwas über dieses Thema zu sagen. Ich war überrascht zu sehen, wie verbreitet und doch ganz verborgen solche Geschichten sind. Ich sprach mit den Leuten und bekam die schrecklichsten Dinge zu hören. In meinen Film ist das nicht eingegangen - da bin ich einfach der Geschichte gefolgt, die ich am besten kannte - aber es hat mir geholfen, zu verstehen, wie weit verbreitet dieses Phänomen war.

DAS DREHBUCH

Den ersten Entwurf schrieb ich im Juli 2006. Er war wesentlich länger als die Endfassung. Auf über 160 Seiten beschrieb ich detailliert den Morgen der Mädchen im Studentenheim. Auch der Besuch von Gabiţas Vater war vorgesehen - die einzige Szene, die gedreht wurde und die wir im Schnitt weggelassen haben. Ich beschloss, eine gute Szene zu opfern - mit vielen Hinweisen auf elterlichen Einfluss auf die Art, wie sich die Charaktere entscheiden - um der erzählerischen Geschlossenheit willen. Inzwischen hatte sich Otilia ganz klar als Hauptfigur herauskristallisiert. Ich schrieb während der Dreharbeiten das Skript laufend um, vor allem Dialoge, aber nicht nur. Ich schreibe immer Szenen um, wenn ich erst einmal die Location kenne und Leseproben mit meinen Schauspielern hatte. Ich habe dem Kern des Films - die Szenen mit Mr. Bebe - immer mehr Gewicht verliehen und dem Thriller-Rhythmus des letzten Teils freien Lauf gelassen.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

DER HISTORISCHE KONTEXT

1966 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Abtreibung in Rumänien verbot. Die Auswirkungen waren sofort spürbar: Bis in die frühen Siebziger gab es einige extrem kinderreiche Jahrgänge, deutlich mehr als in den Jahren vor 1966.

Die Durchschnittszahl der Kinder pro Klasse stieg von 28 auf 36, die Zahl der Klassen in den Schulen wuchs von zwei oder drei auf neun oder zehn an. Als ich eingeschult wurde, gab es sieben "Cristians" in meiner Klasse - den Leuten gingen die Namen für ihre Kinder aus. Die Frauen haben bald Zuflucht in illegalen Abtreibungen gesucht. Am Ende des kommunistischen Regimes waren Schätzungen zufolge 500.000 Frauen an den Folgen illegaler Abtreibungen gestorben. In diesem Umfeld verlor Abtreibung ihre moralische Konnotation und wurde eher als Akt der Rebellion und Widerstand gegen das Regime wahrgenommen. Nach 1989 wurde als eine der ersten Maßnahmen in dem freien Land die Abtreibung wieder legalisiert. Die Folge waren fast eine Million Abtreibungen im ersten Jahr - eine Zahl, die viel größer ist als in jedem anderen europäischen Land. Selbst heute noch wird Abtreibung in Rumänien als eine Methode der Empfängnisverhütung praktiziert, mit jährlich über 300.000 registrierten Abbrüchen.

DAS CASTING

Während ich das Drehbuch schrieb, hatte ich nur einen Schauspieler im Sinn: Vlad Ivanov, der Mr. Bebe spielt. Ich hatte mit ihm im Jahr zuvor einen Werbespot gemacht und war begeistert von seiner Ausstrahlung und Detailversessenheit. Im Verlauf des Castings habe ich immer wieder meine Meinung über ihn als Mr. Bebe überprüft und mir andere Schauspieler angeschaut, aber das hat mich nur darin bestärkt, dass ich richtig liege. Beim Dreh war er in der Lage, bis zu zehn Seiten Dialog zu liefern, ohne ein einziges Wort auszulassen, mit genau der Intonation, Tonlage, Pausen und Gesten, die wir vereinbart hatten.

Mit Laura Vasiliu, der Gabiţa, hatte ich schon bei meinem ersten Film "Occident" zusammen arbeiten wollen, aber aus irgendeinem Grund kam das nicht zustande. Später haben wir einige Werbefilme zusammen gemacht und ich merkte, dass sie in der Lage ist, große Emotionen zu wecken. Am Anfang hatte ich Zweifel, denn sie war eigentlich nicht jung genug für die Rolle, aber sie war so überzeugend, dass sie sie schnell zerstreute. Eine Woche vor Drehbeginn hatte ich immer noch keine Hauptdarstellerin und wusste keine Lösung: Mir schien, als hätte ich jede rumänische Schauspielerin zwischen 18 und 28 gesehen - und immer noch nicht die richtige gefunden. Dann beschloss ich, Anamaria Marinca aus London zu holen. Nachdem sie für ihren ersten Film einen BAFTA gewonnen hatte, war sie nach England gezogen. Bei unserem niedrigen Budget war es etwas exzentrisch, so viel Geld für ein teures Flugticket auszugeben, nur für eine Casting-Session, aber der Versuch war es mir wert. Wir trafen uns spät nachts, sobald sie vom Flughafen kam - und ich war enttäuscht. Die Person Anamaria war nicht meine Figur. Am nächsten Tag haben wir einige Szenen zusammen gelesen, und die Verwandlung war erstaunlich. Meine Figur sprach durch Anamarias Mund, als sei sie besessen. Sie war fantastisch - der ganze Film ruht auf ihren Schultern.

DIE SCHAUSPIELEREI

Ich bestehe darauf, dass die Schauspieler ihren Text auswendig können, in jedem Detail. Bei den Proben gebe ich ihnen die Chance, ihre Kommentare zum Dialog zu liefern. Ich spiele für sie. Wenn ich eine Zeile nicht überzeugend sprechen kann, heißt das, etwas stimmt nicht mit dem Text, und ich lasse ihn fallen. Wenn sie ihren Text beherrschen, lasse ich Buchstaben weg bei der Aussprache, so dass der Dialog so weit wie möglich wie nachlässig gesprochene Sprache klingt. Die Sound-Leute hassen mich - ich fordere meine Schauspieler auf, zu flüstern, wenn es ihnen hilft, ihren Text natürlich rüberzubringen, statt mit starker Stimme, die gut aufgezeichnet werden kann. Wenn ich mit irgend etwas in meinem Film absolut zufrieden bin, dann ist es die Schauspielerei. Ein Kommentar nach dem ersten informellen Screening des Films ist bis heute das schönste Kompliment für mich: Jemand sagte, wenn man den Figuren aus einem anderen Raum zuhören würde, klingen sie wie Menschen in Homevideos.

DAS SETTING

Ich drehe nur an Originalschauplätzen, ich mag keine Sets. Ich will auch, dass der Hintergrund seine Geschichte erzählt. Locations gefallen mir so gut, dass ich alles zeigen will. Die meisten Einstellungen in dem Film zeigen einen Winkel von 180, 270 oder sogar 360 Grad ihrer Umgebung. Jeder, der schon einmal bei einem Dreh war, kann bestätigen, zu welchem Chaos das führen kann. Jede Location hat eine Basis, einen Generator, Licht, viele Kabel, den Monitor des Regisseurs und so weiter. Wenn man also mit der Kamera einen Kreis beschreiben will, muss eine ganze angespannte Gruppe während des Drehens hinter der Kamera her rennen, und das auch noch in absoluter Stille. Manchmal ist das komisch anzuschauen. Da wir beschlossen hatten, die meisten Szenen in einer Einstellung zu filmen, musste die Kamera dem Schauspieler manchmal mehr als 100 Meter weit folgen, von der Straße bis ins Apartment. Das ist wahnsinnig schwierig, aber das Resultat ist so natürlich - es hat sich gelohnt.

DIE PROPS

Es war mir wichtig, einen Film über meine Figuren und meine Geschichte zu machen, nicht über die zeitgeschichtliche Periode. Die Periode sollte immer nur das Umfeld sein, nicht das Thema des Films. Ich habe versucht, so gut wie möglich Realitäten zu respektieren und nachzubilden, ohne Stereotypen und Wahrzeichen des späten Kommunismus vor die Kamera zu zerren. Es gibt Objekte aus dieser Zeit überall im Film, aber nicht im Vordergrund: Der Bus, der mit bombenähnlichen Gaszylindern fährt, Lastun, das einheimische rumänische Auto, das oft mit einem Bügeleisen verglichen wurde; die Abfalltonnen; die Wände voll Bücher. Auch die Gewohnheiten dieser Zeit sind da: die Packung Kent-Zigaretten war wichtiger als das Geld, das du für sie bezahlt hast und ohne das du gar nichts lösen kannst.

EINEN HISTORISCHEN FILM DREHEN

Die Achtziger sind bereist Epoche - die Städte haben sich seitdem dramatisch verändert. Es gibt siebenmal so viele Autos in Bukarest, die Stadt ist überschwemmt mit glitzernder Werbung und die meisten Gebäude haben Aircondition, Satellitenschüsseln, Fensterrahmen aus Metall etc. In den späten 80ern gab es kein Licht auf den Straßen, nur zwei Stunden Programm auf dem einzigen Fernsehkanal, sehr wenig Benzin für Autos, und überall eine sehr trostlose, graue Stimmung. Das erklärt die Farbgebung des Films.

DIE ÄSTHETIK DES FILMS

Vor Drehbeginn habe ich mit Oleg Mutu, meinem Partner und Kameramann, diskutiert, welcher Stil am besten zur Geschichte passt. Wir beschlossen, die Dinge so nüchtern wie möglich zu lassen und alles zu vermeiden, was nach Bühnenbild oder traditionell wirkt. Wir haben kein Stativ benutzt, aber auch keine Steadycam. Es gab auch keine Kamerawagen oder Kräne. Jede Szene sollte in einer Einstellung gefilmt werden, die Schauspieler durften den Raum hinter der Kamera nutzen. Wir haben nie einen Schwenk gemacht oder die Kamera geneigt, um das Gesicht eines Schauspielers zu sehen - viel Text wird im off gesprochen, oder von Schauspielern, deren Köpfe nicht im Bild sind.

Wir legten uns eine Strategie zurecht, um Leute von hinten zu filmen. Nach und nach ließen wir alles weg, was zu 'nett' oder zu gestellt wirkte, auch den wunderbaren Schnee, der am Ende der letzten Einstellung fiel. Wir haben versucht, uns darauf zu konzentrieren, Gefühl und Wahrheit einzufangen.

4 luni, 3 săptămâni şi 2 zile

AUSZEICHNUNGEN (Auswahl)

GOLDENE PALME, 60. Internationale Filmfestspiele Cannes 2007

FIPRESCI Grand Prix 2007 verliehen beim San Sebastian Film Festival

Prix de l'education nationale, Frankreich

Nominierung zum Europäischen Filmpreis

BESETZUNG

Anamaria Marinca - Otilia

Nach ihrem Abschluss an der Hochschule für Kunst, Musik und Drama "George Enescu" in Iaşi wurde die rumänische Schauspielerin Anamaria Marinca gleich für ihren ersten Film "Sex Traffic" (2004, Regie: David Yates) mit dem BAFTA, dem RTS Television-Award der Royal Television Society sowie dem Preis des Fernseh-Festivals von Monte Carlo ausgezeichnet. Marinca zog nach England und hatte einen Auftritt in einer Episode der TV-Serie "Hotel Babylon" (2006). Francis Ford Coppola besetzte Marinca in YOUTH WITHOUT YOUTH (2007). Der erste Film des Regisseurs seit zehn Jahren steht beim diesjährigen Festa Internazionale di Roma auf dem Programm.

Laura Vasiliu - Găbiţa

Laura Vasiliu studierte an der National University of Theatre and Cinema Arts in Bukarest.

Zu ihren Filmrollen zählen Auftritte in Dan Piţas SECOND HAND, BLESS YOU, PRISON von Nicolae Mărgineanu (2002) sowie der internationalen Produktion CALLAS FOREVER von Franco Zeffirelli (2002).

Vlad Ivanov- Domnuʼ Bebe

Nach seinem Abschluss an der Theater- und Filmakademie in Bukarest spielte Vlad Ivanov, der zu den bekanntesten Schauspielern Rumäniens zählt, in zahlreichen Film- und Fernsehrollen. Er drehte nicht nur in seiner Heimat, sondern stand auch in internationalen Produktionen vor der Kamera. Zu seinen Credits zählen Jean-Daniel Verhaeghes "Le père Goriot" (2004), Gerard Cuqs THE WACKOS (2002),

"Natures mortes" (2000)von Patrick Malakian, Gustavo Marinos DIPLOMATIC SIEGE (1999) sowie "Flucht durch Nizza", Raoul Ruiz' TOT UNTER LEBENDEN (2003), SNUFF MOVIE (2005, Regie: Bernard Rose), THE MARKSMAN (2005, Regie: Marcus Adams) und zuletzt Simon Fellows SECOND IN COMMAND (2006).

Luminiţa Gheorghiu - Doamna Radu

Die in ihrer Heimat berühmte Schauspielerin Luminita Gheroghiu stand in Rumänien in zahlreichen TV- und Filmproduktionen vor der Kamera, spielte aber auch in internationalen Filmen. Sie stand in 12:08 EAST OF BUKAREST (2006) von Corneliu Porumboiu vor der Kamera, 2006 beim Festival in Cannes mit der Camera DʼOr ausgezeichnet, sowie Cristi Puius THE DEATH OF MISTER LĂZĂRESCU, der 2005 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard als Bester Film gewann.

Mit Cristian Mungiu (Co-Regie) arbeitete sie bereits in dem Episodenfilm

LOST AND FOUND (2005) zusammen, für Michael Haneke war sie in WOLFZEIT (2003) und CODE - UNBEKANNT (2000) mit von der Partie.

2001 lief STUFF AND DOUGH von Cristi Puiu in der Quinzaines in Cannes. Zu Gheorghius weiteren Filmcredits zählen TRAIN DE VIE von Radu Mihăileanu (1999),

Lucian Pintilies TOO LATE (1996) sowie Stere Gulea MOROMEŢII (1988).

Ausgezeichnet wurde Luminita Gheroghiu u. a. mit dem Los Angeles Film Critics Association Award als Beste Nebendarstellerin in THE DEATH OF MISTER LĂZĂRESCU.

STAB

Cristian Mungiu - Drehbuch, Regie, Produktion

Cristian Mungiu
Geboren wurde Cristian Mungiu am 27. April 1968 im rumänischen Iaşi. An der dortigen Universität studierte er Englische Literatur, anschließend Regie an der Filmhochschule in Bukarest. Mungiu arbeitete bis 1994 als Lehrer und Journalist für Printmedien, Radio und Fernsehen. Während des Filmstudiums wirkte er als Regieassistent bei ausländischen Filmprojekten in Rumänien mit. Nach seinem Abschluss 1998 drehte er mehrere Kurzfilme. OKZIDENT, sein erster Spielfilm, lief 2002 in Cannes in der Quinzaines des Realisateurs und wurde weltweit auf über 50 Festivals gezeigt. In dem Episodenfilm LOST AND FOUND, der 2005 bei der Berlinale Premiere feierte, führte er Co-Regie bei "Turkey Girl". 2003 war er Mitbegründer der Produktionsfirma Mobra-Films.
Mungius Arbeiten wurden mit über zehn internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter dem FIPRESCI Award beim Sofia Film Festival und dem Publikumspreis in Thessaloniki.
Cristian Mungiu ist der erste rumänische Regisseur, der in Cannes die Goldene Palme gewann.

Oleg Mutu - Kamera, Produktion

Geboren 1972 in Chişinău, studierte Oleg Mutu an der Universität für Theater und Film in Bukarest und machte seinen Abschluss als Kameramann.

Er fotografierte Cristi Puius THE DEATH OF MISTER LĂZĂRESCU, der 2005 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard als Bester Film gewann, und stand für den gleichen Regisseur auch bei "Cigarettes and Coffee" hinter der Kamera. Der Kurzfilm wurde 2004 in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Mit Cristian Mungiu arbeitete Mutu bereits bei dessen Erstling OKZIDENT (2002) zusammen, der in Cannes in der Quinzaines des Realisateurs lief.

Dana Bunescu - Schnitt, Sound-Design

Geboren 1969 in Craiova, besuchte Dana Bunescu die Theater- und Filmakademie in Bukarest. Sie graduierte in den Fächern Schnitt und Sound-Design. Zu den Filmen, die sie seitdem geschnitten hat, zählen CALIFORNIA DREAMIN' von Cristi Nemescu, der in Cannes 2007 in der Sektion Un Certain Regard lief, Cristi Puius THE DEATH OF MISTER LĂZĂRESCU, der 2005 in Cannes in dieser Sektion als Bester Film gewann sowie dessen Kurzfilm "Cigarettes and Coffee", der 2004 in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

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