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Temeswár


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Aus: Chrismar, F. S.: Skizzen einer Reise durch Ungarn in die Türkei, Pest 1857, Kapitel Temeswár, S. 52-56.

Am Morgen des fünften Tages unserer Reise von Pesth erreichten wir Temeswár, das wir ein sehr angenehmer Aufenthalt schien. Ich war von der Niedlichkeit und hübschen Bauart dieses Städtchens in der That nicht wenig überrascht. Sein Umfang ist nicht groß, doch sind die Festungswerke sehr bedeutend und in dem vollkommensten Zustande. Außerhalb der Stadt findet man geschmackvoll angelegte Spaziergänge, die sich bis zur Vorstadt Fabrick erstrecken, welche ungefähr eine Viertelstunde von der Festung entfernt ist. Der Name dieser Vorstadt kommt von den ansehnlichen Werkstätten und Fabriken, welche General Mercy hier errichten ließ und von denen noch gegenwärtig einige bestehen.

Die vielen kaiserlichen Stellen und Verwaltungen, sowie das Militär bildeten in Temeswar ein reges Leben. An guten und wohl eingerichteten Gast- und Kaffeehäusern fehlt es hier nicht, worunter der Gasthof zu den sieben Churfürsten damals der besuchteste war. In den Kaffeehäusern fanden wir verschiedene periodische Blätter und Zeitschriften des Auslandes; die öffentlichen Anzeigen und Verordnungen sind meistens in lateinischer Sprache abgefaßt. Auch ein Theater hat Temeswar war und dessen Direction soll gute Geschäfte machen.

Wenn hier der Reisende manche Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten wieder findet, die er auf dem weiten und beschwerlichen Wege durch die großen Ebenen entbehren musste, so muss ihm dies doppelt erfreulich und überraschend sein. Neben den gewohnten Bildern aber, die ihn an Wien und das civilisierte Deutschland erinnern, zeigt sich schon ein merklicher Übergang in die orientalische Natur. Die Tracht der walachischen Weiber, den Kopf bis ans Kinn in feine weiße Leinwand gehüllt, die olivenfarben Gesichter der Zigeuner, die wärmern Strahlen der Sonne und eine üppige Vegetation erinnern ihn, daß er der türkischen Grenze nicht mehr ferne ist.

Mit noch lebhafterem Interesse wird der Fremde diese Gegenden betreten, bei der Erinnerung, daß er hier in einem Theile des alten dacischen Reiches sich befindet, und zwar in jenem Theile welchen die Römer Dacia riparia [1] benannten. Dacia riparia, das heutige Banat, wurde nach Auflösung des großen dacischen Reiches zur römischen Provinz gemacht und war das Vaterland der Kaiser Aurelian und Galerius. Die Römer hatten hier große Pflanzungen und feste Plätze gegründet, worunter auch Zambara, das heutige Temeswar. Noch findet man die Reste ausgedehnter Verschanzungen, welche in verschiedenen Richtungen das Land durchziehen und gemeiniglich Römerschanzen genannt werden, von welchen man aber mit mehreren Grunde behauptet, daß sie von den Hunnen errichtet wurden, welche später das Land in Besitz nahmen. An römischen Alterthümern haben sich im Banat reiche Schätze gefunden, worunter besonders die berühmten warmen Bäder von Mehadia, welche dem Herkules geheiligt waren, große Ausbeute lieferten.

Unter Karl Robert, der im Jahre 1311 den ungarischen Thron bestieg, war Temeswar schon eine volkreiche und feste Stadt. Merkwürdig ist ihre Geschichte und der Wechsel ihrer Schicksale in der langen Periode der Grafen Temes. Im Jahre 1442, als schon die Türken die Provinz gefährlich bedrohten, wurde der berühmte Johann Corvin von Hunyad zum beständigen Grafen von Temeswar ernannt. Dieser große Kriegsheld ließ das Schloss Temeswar erbauen, das man noch gegenwärtig sieht, obwohl durch die vielen Reparaturen gänzlich verändert. Auch an Paul Kinys und dem Grafen Josa von Som hatte dieses Komitat einsichtsvolle und mächtige Vertheidiger. Unter Stephan Bathori, einem Enkel des berühmten Woiwoden von Siebenbürgen, sah Temeswar die letzten blutigen Auftritte jenes denkwürdigen Bauernaufstandes, dessen Anstifter, Georg Dosa, unter den Mauern dieser Stadt seinen tragisches Ende fand. Das unglückliche Treffen von Mohacz endlich, wo König Ludwig II. und die ersten Häupter des ungarischen Adels durch das Schwert der Osmanen fielen, zog auch den Verlust des Banats nach sich. Beinahe 164 Jahre verblieb Temeswar der Sitz einer türkischen Statthalterschaft [2] bis es im Jahre 1716 durch Prinz Eugen von Savoyen wieder erobert wurde. Während der nächstfolgenden zwei Jahre blieb diese neue Eroberung jedoch noch vielen Gefahren ausgesetzt, bis es im Jahre 1718 denen Talenten des großen Feldherrn gelang, den türkischen Halbmond über die Donau zurückzubannen. Von jener Zeit an erst ist Temeswar durch die besondere Sorgfalt des österreichischen Kaiserhauses das geworden, was es gegenwärtig ist. Maria Theresia sowohl als Joseph II., der selbst das Banat zweimal bereiste, haben sich hier ein unsterbliches Denkmal errichtet.

[1] Zum Unterschied von Dacia mediterranea, Siebenbürgen, und Dacia transalpina, die heutige Moldau und Walachei
[2] Die Statthalterschaft Temeswar war war damals in folgende Sandschake eingeteilt: 1) Syrmien, 2) Poschega, 3) Kanisa, 4) Temeswar, 5) Csanad, 6) Lippa, 7) Gyula, 8) Janowa.

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Erstellt am 31.10.2003.