Siebenbürgen

Wo Draculas Geist die Wege der Reisenden kreuzt

Schäßburg (gms) - Furchterregend knarzt die Tür, die alten Dielen ächzen und stöhnen, der Wind pfeift unbehaglich durch das alte Gemäuer. Und dort oben, im zinnenbesetzten Turm des Schlosses, flattern da nicht pechschwarze Fledermäuse? Für den Hauch einer Sekunde jagt dem Besucher ein Schauer des Grauens den Rücken hinunter - fragt er sich schließlich, ob nicht doch etwas dran ist an der Dracula-Legende, die Bram Stoker 1897 in seinem Vampirroman niedergeschrieben hatte: "Da stand das Schloß in all seiner Größe, tausend Fuß hoch auf dem Gipfel eines steil ansteigenden Kegels, von den Bergen rundum durch tiefe Täler getrennt: ein wilder und unheimlicher Anblick!"

INFO-KASTEN:
Siebenbürgen

REISEZIEL: Siebenbürgen (Transsilvanien) gehört zu Rumänien und liegt nördlich und westlich des Karpatenbogens. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war die Region Bestandteil von Österreich-Ungarn.

ANREISE UND FORMALITÄTEN: Zur Einreise nach Rumänien ist ein Visum erforderlich, das 70 Mark Gebühr kostet. Von Berlin-Lichtenberg und München fahren direkte Züge durch Siebenbürgen nach Bukarest (Fahrtdauer: 28/23 Stunden). Lufthansa fliegt von Frankfurt und München nach Bukarest, die rumänische Tarom fliegt von Frankfurt, Düsseldorf und Berlin nach Bukarest sowie von Frankfurt und Düsseldorf nach Timisoara. Autofahrer benötigen eine grüne Versicherungskarte. Autobahnen gibt es kaum, das Tankstellennetz ist dünn.

WÄHRUNG: Rund 4 200 Lei = 1,00 Mark. Geldwechsel in Banken und autorisierten Wechselstuben ist problemlos (am besten Dollar- oder Markscheine). Traveller-Schecks werden nur von wenigen Banken getauscht. Geldwechsel auf dem Schwarzmarkt ist verboten und wegen des Betrugsrisikos riskant.

SPRACHE: Rumänisch. Mit Deutsch und Französisch kommt man meist besser zurecht als mit Englisch.

ZEIT: Plus eine Stunde.

UNTERKUNFT: Das Hotelangebot ist bescheiden. Ein Doppelzimmer mit Frühstück kostet in einfachen Gasthäusern unter 40 Mark, in Hotels der Spitzenkategorie um 100 Mark.

TIP: Die Dracula-Gesellschaft mit Sitz in Bukarest organisiert Touren auf den Spuren des Blutsaugers durch Siebenbürgen. Kontakt über die deutsche Außenstelle: Transsylvanian Society of Dracula / Arbeitsgemeinschaft, Kaiserstraße 17, 33330 Gütersloh (Tel.: 05241/160 92 ).

AUSKUNFT: Rumänisches Fremdenverkehrsamt, Zeil 13, 60313 Frankfurt/Main (Tel.: 069/29 52 78)

Genau diesen Eindruck vermag die Törzburg - rumänisch: Bran - im südlichen Bogen der Karpaten tatsächlich zu bieten. Majestätisch thront sie auf einem Felsen, ist verwinkelt und verwunschen, wild und unheimlich, und von oben geht es steil bergab. Und sie liegt mitten in Siebenbürgen, das die Rumänen Transsilvanien nennen, was soviel heißt wie "hinter den Wäldern".

Allein: Eine Dracula-Burg ist die Törzburg nie gewesen. Daran ändern auch die Souvenirbuden am Fuße des Gemäuers nichts, in denen alte Frauen Dracula-Strickpullover und T-Shirts mit Fledermausdekor feilbieten. Was die Scharen amerikanischer und japanischer Touristen mit begeisterten "Aahhs" und "Oohhs" quittieren, die Einheimischen mit einem vielsagenden Grinsen.

Denn die Bewohner des Dorfes Bran wissen nur zu gut, daß das Schloß, das sich da über ihren Häusern erhebt, weder mit der Romanfigur noch mit dem historischen Dracula etwas zu tun hatte. Erst in den 70er Jahren entstand hier die Legende vom Stammsitz der Vampire. Damals öffnete sich das kommunistische Rumänien westlichen Touristen, und die Genossen wollten mit einem echten Dracula-Schloß aufwarten. Da Bran so aussah, wie man sich ein Dracula-Schloß gemeinhin vorstellt, verordneten Ceausescus Schergen dem Gebäude kurzerhand sein gruseliges Image.

Tote Ratten und Blutsaugerkitsch

Wer Bram Stokers Buch gelesen hat, wird wissen, daß das Romanschloß ein paar hundert Kilometer weiter nördlich liegt, in der Nähe des Städtchens Bistritz am Borgo-Paß. Pech bloß, daß sich auch hier weit und breit kein standesgemäßes Dracula-Gemäuer fand. Jedenfalls bis in die 70er Jahre. Wiederum wußte die kommunistische Partei Abhilfe - und ließ einen Hotelklotz mitsamt Betonturm und Gruft-Imitat hochziehen. "Castelul Dracula" heißt das Ding, das aus der Ferne betrachtet immerhin an ein mittelalterliches Gemäuer gemahnt. Steht man davor, versprüht es unverkennbar sozialistischen Charme, was zwar auch schauerlich ist, aber eben nicht auf Dracula zurückgeht.

Im Inneren des Plattenbaus gibt man sich alle Mühe, eine authentische Atmosphäre herbeizuzaubern, mit blutroten Teppichen und einer Totenkammer, in der eine Ratte über einem leeren Sarg baumelt. Dazu wird Blutsaugerkitsch angeboten.

Trotz des dilettantisch inszenierten Schreckens kommen mehr und mehr Touristen ins Land, auf der Suche nach dem Blutsauger-Mythos. Der hat inzwischen sogar das Rumänische Touristenamt veranlaßt, eine Dracula-Broschüre herauszugeben, die auch auf deutsch zu haben ist. Viel erfährt man darin nicht, immerhin soviel: Im 15. Jahrhundert gab es in Siebenbürgen tatsächlich einen Namenspaten für die Vampirfigur. Der war Fürst der Walachei, hieß Vlad Dracul und gehörte dem Nürnberger Drachenorden an. Auf rumänisch heißt Drachen Dracul, was den Beinamen des Fürsten erklärt.

Vlad, genannt Draculea - kleiner Drachen

Der Sohn des Fürsten hieß auch Vlad, wurde aber Draculea - kleiner Drachen - genannt. Draculea hatte tatsächlich eine Vorliebe für Blut: Er ließ Gegner und unbotmäßige Untertanen bei lebendigem Leib auf meterlange Pfähle spießen. Im Laufe seiner Regentschaft soll der Walachenfürst auf diese Weise Zehntausende beseitigt haben. Das brachte ihm den Beinamen Tepes (sprich: Zepesch) ein - der Pfähler. Von Vlad Tepes bekam Bram Stoker, der nie in Rumänien gewesen war, Wind. Damit war Dracula geboren. Stoker "lieh" sich des Fürsten Lebenslauf aus, nicht ohne diesen mit reichlich Blut bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden.

Abseits der vermeintlichen Vampir-Schlösser gibt es in Siebenbürgen einige sehenswerte Orte, in denen der "echte" Dracula gelebt hat. Zum Beispiel in Schäßburg (Sighisoara). Die Stadt wurde im 12. Jahrhundert von deutschen Siedlern gegründet und ist bis heute ein Zentrum der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen. Die mittelalterliche Altstadt ist komplett erhalten, in den engen Gassen zwischen windschiefen Giebeln und der mächtigen Stadtmauer scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, wären da nicht die allgegenwärtigen Coca-Cola-Sonnenschirme vor den Gaststuben.

Wahrzeichen von Schäßburg ist der Stundturm mit einer Uhr, deren Zifferblatt einen Durchmesser von 2,40 Metern hat. Im Schatten dieses Turmes erblickte anno 1431 Vlad Tepes das Licht der Welt, sicher zur Geisterstunde. Sein Geburtshaus steht bis heute und ist nicht zu verfehlen - auf dem Vorplatz tummeln sich Souvenirverkäufer mit Vampir-Kitsch.

Altdeutsch beschriftete Grabsteine

In dem Haus mit seinen fast meterdicken Wänden befindet sich eine staatlich bewirtschaftete Gaststätte, in der zumindest das Bier gut schmeckt. So richtig gruselig ist es hier indes nicht, eher schon auf dem Friedhof der Stadt: Hier stehen altdeutsch beschriftete Grabsteine aus mehreren Jahrhunderten. Wer mit einem der alten Deutschen spricht, die hier die Gräber ihrer Ahnen pflegen, wird Mühe haben, ihren altertümlichen Dialekt zu verstehen.

Einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat auch Kronstadt (Brasov) am Fuße der Karpaten, rund 40 Kilometer von der Törzburg entfernt. Heute hat die Stadt mehr als 300 000 Einwohner, von denen die meisten in Plattenbauten wohnen. Dagegen ist die Altstadt gut erhalten. Die zum Teil frisch renovierten Häuser schmiegen sich um den riesigen Marktplatz zusammen zu einem einmaligen Ensemble, überragt von der Schwarzen Kirche, dem größten Gotteshaus zwischen Wien und Istanbul.

Essen und pfählen

Die gotische Sandsteinkirche verdankt ihren Namen einem Brand im Jahr 1689, seitdem ist die Fassade rußgeschwärzt. Im Inneren fallen zahlreiche orientalische Teppiche auf, die farbenfroh an den Wänden hängen. Die Schwarze Kirche besitzt in Europa außerhalb der Türkei die größte Sammlung antiker Teppiche aus Anatolien. Die geknüpften Schätze stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sie wurden von der reichen Kronstädter Kaufmannschaft gestiftet.

In der Stadtchronik von Kronstadt taucht auch Vlad Tepes auf. Der Walachenfürst hatte um 1459 versucht, Kronstadt einzunehmen - vergeblich. Allerdings fiel die Vorstadt in seine Hand. Hier ließ er hunderte Bewohner in Sichtweite der Stadtmauer pfählen, direkt daneben vergnügte er sich an einem Frühstück, was ein historischer Stich belegt (oben). Meistersinger Michel Beheim, ein Zeitgenosse des Fürsten, kommentierte dessen Vorliebe so: "Es war sein Lust und gab ihm Mut, wenn er sah fließen Menschen Blut."

Ein Muß für Siebenbürgen-Besucher ist auch Hermannstadt (Sibiu). Die Stadt hatte einmal den größten deutschen Bevölkerungsanteil in Rumänien. Hier erscheint noch immer die "Hermannstädter Zeitung", eine der drei deutschsprachigen Zeitungen des Landes. Die Blätter leiden an massivem Leserschwund - die meisten Rumäniendeutschen, 1930 noch 800 000, haben sich längst nach Deutschland davongemacht. Nur rund 80 000 sind in ihrer Heimat geblieben.

Nicht nur Blut, auch Geld wird gesaugt

Hermannstadt mit seinen verwinkelten Gassen und Plätzen strahlt noch immer K.u.K.-Charme aus. Geradezu in Habsburger Zeiten zurückversetzt fühlt sich, wer im Hotel "Imparatul Romanilor" ("Römischer Herrscher") absteigt oder dort ein Essen einnimmt: In dem Haus aus Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie wird man nicht nur freundlich bedient, sondern kann sich auch noch an lokalen Spezialitäten und rumänischen Weinen laben. Für ein staatliches Haus ist das im Rumänien von heute nicht selbstverständlich.

Auch in Hermannstadt kreuzt Dracula die Wege der Reisenden. Da es hier weder ein Vampirschloß gibt noch ein Dracula-Geburtshaus, muß man auf banalere Schauplätze ausweichen: auf Supermärkte, Kioske und Souvenirstände. Hier zwinkert der Vampir dem Touristen zu, vom Etikett überteuerter Wein- und Schnapsflaschen. Wenn er so auch nicht das Blut des Reisenden absaugen kann, so doch wenigstens sein Geld.
Sönke Krüger; Fotos: dpa